Dennoch war ein Kommunist der Katalysator des Konflikts: Verkehrsminister Jean-Claude Gayssot. Er hatte den Hochseefischern nach nur einem Tag Hafenblockade am 31. August einen Abschlag auf die Treibstoffsteuer versprochen, der auf verwandte Gewerbe mit wenigen Tagen Verzögerung als kräftiger Appetitmacher wirkte. Und warum hatte Gayssot den Hochseefischern so rasch nachgegeben? Tags darauf, so wird jetzt in Paris erklärt, begann im Atlantikhafen La Rochelle das Herbstseminar der sozialistischen Partei-Elite, bis hinauf zum Premierminister. Da habe man unschöne Bilder mit randalierenden Fischern gefürchtet.

Die kuriose innenpolitische Lage in Frankreich - die Kohabitation von Premierminister und Staatspräsident aus unterschiedlichen politischen Lagern - verstärkt die traditionelle Nachgiebigkeit des französischen Staats gegenüber militanten Protestaktionen. Seit 1997 befinden sich der Sozialist Lionel Jospin und der Neogaullist Jacques Chirac in einem dumpfen Vorwahlkampf um das Staatspräsidentenamt, der noch zwei Jahre dauern wird. Unter diesen Umständen möchte keiner von beiden beim Publikum unangenehm auffallen.

Undenkbar, dass einer von ihnen angesichts von Kleinunternehmern mit eindrucksvollen Benzinrechnungen und traurigen Geschichten über ihre Überlebensperspektiven gefordert hätte, der Staat solle jetzt seine Ordnungsmacht durchsetzen. In allen französischen Reportagen über Taxifahrer, Landwirte und andere Dieselbenutzer kam immer wieder ein pathetischer Satz vor: Entweder man mache jetzt bei diesem Aufstand mit, "oder wir krepieren".

Minderheiten, die sich in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht glauben oder das wenigstens behaupten, gesteht die französische Gesellschaft spontan eine Art Recht auf Erpressung zu. Das ist spätestens seit 1995 klar, als Millionen von Privatangestellten große Unbequemlichkeiten auf sich nahmen, weil die Regierung den öffentlichen Verkehrsbetrieben einige Privilegien kürzen wollte. Busse und Bahnen streikten drei Wochen lang. Ihr Publikum ging trotz der Kälte klaglos zu Fuß zur Arbeit. Am Ende waren alle Privilegien gesichert und die Regierung nur noch ein Gespenst ihrer selbst, das bei den Wahlen 1997 von der Linken abgelöst wurde.

Drohen mit Sprengstoff? Eine Ministerin findet das beachtlich

Diese Protestbewegung hat sich allen Franzosen eingeprägt. Wer damals den späten, dramatischen Zwischenruf vom altlinken Intellektuellenidol Pierre Bourdieu zur Kenntnis genommen hat, interpretiert sie oft als eine heldenhafte "erste Massenbewegung gegen die Globalisierung". Dieses Meinungsklima kalkuliert ein großer Teil der linken Regierungskoalition seither bei allen Reaktionen ziemlich populistisch ein. Als die letzten 152 Arbeiter des maroden Textilwerks Cellatex in den Ardennen Ende Juli drohten, ihre Fabrik in die Luft zu sprengen, sagte die Sozialministerin Martine Aubry anerkennend: "Die Verzweiflung dieser Männer verdient Beachtung."

Kurz darauf leiteten die Arbeiter fünf Tonnen Schwefelsäure in einen Nebenfluss der Maas. Was darf man in solch einem beispiellosen Fall von Umweltvergiftung von einer grünen Partei erwarten - noch dazu, wenn ihre Parteivorsitzende als Umweltministerin im Kabinett sitzt? Gekommen jedenfalls ist - nichts. Nur der inzwischen zurückgetretene Innenminister Jean-Pierre Chevènement, ein linker Law-and-Order-Mann, wagte es, die Sache beim Namen zu nennen: Erpressung.