Dass die Arbeiter am Ende zwei Jahre Gehaltsfortzahlung und 25 000 Mark Abfindung bekamen, erschien vielen Franzosen nur recht und billig - ist doch dem Staat seit 1973 in der Verfassung die "heilige Pflicht" vorgeschrieben, seinen Bürgern in materieller Not beizustehen.

Es ist nicht so, dass es in Frankreich niemanden gäbe, der eine andere Handhabung von sozialen Konflikten forderte - vorbeugen, verhandeln, nicht immer nur nachgeben. So hat etwa die linke Tageszeitung Libération eine Reihe von namhaften liberalen Ökonomen als Kommentatoren verpflichtet, die regelmäßig die französischen Unsitten der Protesterstickung mit finanziellen Mitteln anprangern. Die Stimmen einer Vernunft, die deutschen Ohren vertraut klingen, sind mühelos zu finden - allein, der Staat nimmt sie nicht zur Kennntnis.

Der Dieselstreit - ein Beispiel politischen Fehlverhaltens

Beim Dieselpreis kam der Konflikt nicht überraschend. Der Präsident des Unternehmerverbands hat den Finanzminister noch vor den Sommerferien schriftlich auf die Nöte des Transportgewerbes aufmerksam gemacht - das ist seine Aufgabe als Lobbyist. Eine Antwort hat er nie bekommen - das ist die typische Arroganz des französischen Staatsapparats gegenüber stillen Belästigungen.

Der Politologe Pierre Rosanvallon, der in Paris und Chicago lehrt, hat den Spediteurskonflikt der vergangenen Woche als "Fallbeispiel für politisches Fehlverhalten in Frankreich" bezeichnet. Niemand könne den Spediteuren vorwerfen, ihr Beefsteak mit einer Blockade zu verteidigen. Hingegen müsse man den Staat fragen, warum er nichts unternehme, um sie von der Straße wegzubekommen, wo sie andere Mehrheiten in ihren Rechten verletzten. Aufgabe jeder Regierung sei es, zwischen Privatinteressen zu vermitteln - was sie wieder einmal auf Kosten der Staatsbürger und Steuerzahler verweigert habe.

Möglich ist das auch, weil die französische Gesellschaft insgesamt ein widersprüchliches Verhältnis zu Recht und öffentlicher Ordnung hat, besonders im Straßenverkehr: Einerseits wird regelmäßig über die unverhältnismäßig hohe Zahl der Verkehrstoten in Frankreich geklagt. Andererseits ist nicht zu erkennen, dass der Staat eine langfristige Politik zur besseren Verkehrserziehung hätte. Nicht einmal vor den Pariser Grundschulen, wo regelmäßig Verkehrspolizisten postiert sind, müssen Autofahrer, Eltern oder Kinder mit Verwarnungen rechnen, wenn sie die Verkehrsregeln missachten.

Selbst wenn die öffentliche Ordnung gestört ist, rufen Franzosen nicht nach der Polizei. Als die Behinderungen durch die Blockaden der Fuhrunternehmer ihren Höhepunkt erreicht hatten, veröffentlichte die Boulevardzeitung Le Parisien eine bemerkenswerte Umfrage: Danach unterstützten insgesamt 88 Prozent die Blockaden der Spediteure. Unter den befragten Rentnern - gemeinhin eine ängstliche Bevölkerungsgruppe - bekannten sich sogar 98 Prozent zu den Störenfrieden. Das ist ein alter französischer Reflex: Wer gegen die Obrigkeit auf die Barrikaden geht, wird schon Recht haben.