Die Langsamkeit an diesem 20 Kilometer langen, lieblich wilden Küstenstreifen starb vor vielleicht sieben, acht Jahren, als Panagiottis plötzlich nicht mehr singend auf den Straßen lief. Panagiottis, irgendwo zwischen 50 und 70, machte sich jeden Morgen von seinem Dorf am Fuß des grauen Taygetos-Gebirges auf, lief auf den Eselspfaden runter zur Küstenstraße und dort hin und her zwischen den Dörfern. Immer wieder kehrte er ein, trank Wein, erzählte Geschichten und sang. Abends sang er nur noch.

Niemand weiß, wo Panagiottis geblieben ist. Vielleicht wurde er überfahren von einem dieser neuen Wagen. Vielleicht auch von einem der deutschen Wohnmobile, die immer zahlreicher die Gegend heimsuchen.

Lange war die Mani die Gegend Griechenlands mit dem schlechtesten Ruf. Man ging da nicht hin, sondern erzählte sich bloß Geschichten von Blutrache, von Piraten, von Brüdern aus kleinsten Dörfern, die im Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und Monarchisten aufeinander schossen. Wirtschaftlich war die Gegend nie interessant; zu wenig Fläche, zu wenig Wasser, keine Rohstoffe. Nur Oliven, Olivenhaine wie Meere in den Tälern des Taygetos. So waren die gastfreundlichen Manioten lange unter sich.

Griechen besitzen im Allgemeinen eine gewisse Nonchalance gegenüber Erfahrungen anderer. Wahrscheinlich, weil sie die Vordenker und Wegbereiter des Abendlandes waren. Ihre geistige Vergangenheit ist immer noch das Fundament heutigen Verständnisses von Gegenwart. Und dieses Bewusstsein, von offensichtlich unvergänglichem Ursprung zu sein, lässt sie grundsätzlich die Erkenntnisse und die Fehler anderer lässig abwinken: "Schön, aber wir sind Griechen und kennen das schon." Eine Möglichkeit wäre nun, in einen weisen Stoizismus zu verfallen, wären da nicht das Geld, das Tourismus bringt, und die Träume, die dem Geld folgen.

Die drei Gemeinden Kardamili, Stoupa und Agios Nikolaos führen nur - wie alle Träumer - sehr nachlässig Statistiken. Mit bloßem Auge betrachtet, kann man sagen, dass es zweimal mehr Autos, Tankstellen, Bars, Supermärkte, Tavernen, Bordelle und Fremdenbetten gibt als noch vor sieben, acht Jahren, als der Tourismus ernsthaft begann, der Landschaft ihre Unschuld zu rauben. Insgesamt 4000 Fremdenbetten stehen rund 2200 offiziell gemeldeten Bürgern gegenüber. Was aber nicht heißt, dass sie auch hier sind.

Gebaut wird überall. An den Ausläufern des Taygetos kleben Häuser wie Fliegen an Fetakäse, der ungeschützt in der Sonne liegt. Die westeuropäischen Glückssucher, die vor Jahren auf die noch sehr sanft berührte Mani kamen, um hier ihren Traum zu verwirklichen, geben der Gegend noch fünf Jahre bis zum Kollaps. Zu dem sie selbst ihren Teil beitragen.

Was dieser wild gewachsenen Landschaft den von Menschenhand erbauten Wildwuchs beschert, ist ausgerechnet das neue Selbstbewusstsein und in seinem Schatten der Optimismus der Manioten. Viele von ihnen sitzen heute irgendwo im Ausland, arbeiten in Fabriken und sparen Geld für ihren Traum in der Heimat. Je länger und je weiter sie weg sind, desto größer wird der Traum, den sie sich erfüllen wollen. Auch weil man den Zurückgebliebenen zeigen muss, dass sich die lange Abkehr von der Heimat ausgezahlt hat. Es war schon immer Tradition auf diesem Stückchen Land, dass Familien ihren Reichtum mit der Pracht ihres Geschlechterturms untermauerten.