In der Welt des schwarzen Goldes ist nichts so, wie es scheint - die Opec hat in Wien eine Erhöhung der Ölförderung verkündet, die eigentlich keine ist. In Wahrheit legalisierte das Kartell nur die heimliche, vornehmlich saudische, Überproduktion; so dürften denn nicht die versprochenen 800 000, sondern gerade mal zusätzlich 100 000 Fass Öl pro Tag gefördert werden. Kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, wo doch der Öldurst der Welt stetig wächst.

Zahlen und Daten im Ölbusiness sind notorisch ungenau und höchst unterschiedlich interpretierbar. Das zeigen auch die widersprüchlichen Einschätzungen zu der Frage, ob mit dem neuen Anstieg der Preise nun endgültig die Ära des billigen Öls zu Ende geht. Sicher ist nur: Wird das Öl knapper, steigt die Macht der Opec - eines politisch kaum berechenbaren Kartells.

Ohne preiswertes Öl können weder alte noch neue Ökonomie blühen; auch ist der soziale Frieden westlicher Demokratien abhängig vom Preis für Benzin. Kein Wunder, dass sich im Westen die Freude über den Opec-Beschluss in engen Grenzen hält. Die Welle der Proteste, Blockaden und Panikkäufe, die von Frankreich auf Großbritannien überschwappte, ist womöglich nur das Vorspiel für einen "Winter der Unzufriedenheit". Denn die Preise für Sprit und Heizöl könnten, wenn der Winter hart wird, weiter nach oben klettern.

Beim Treffen der Opec war von Krisenstimmung wenig zu spüren. "Crisis, what crisis?", bemerkte süffisant ein iranischer Delegierter, nachdem Bijan Nadar Zangeneh, der Ölminister Teherans, bei Kaiserwetter die Nachricht von der Produktionssteigerung heraussickern ließ, bevor noch die Konferenz den Kompromiss offiziell abgesegnet hatte. Der Falke des Kartells wollte offenkundig den Eindruck vermitteln, dass auch sein Land, das sich bis zuletzt hartnäckig gegen ein Aufdrehen der Ölhähne gestemmt hatte, mit der Entscheidung ganz gut leben könne. Nach außen gaben sich denn auch alle zufrieden: die Hardliner aus dem Iran, die Ölpopulisten aus Venezuela, die im Vorfeld unablässig einen "fairen" Preis für den kostbaren Rohstoff forderten, aber auch die Saudis, die einzige Supermacht des Kartells, und mit ihnen die Schar der Mitläufer aus dem Golf.

Die Opec weitet die Förderung aus. Der Markt bleibt unbeeindruckt

Doch ungeachtet aller politischen und ökonomischen Rivalität einte alle elf Opec-Staaten stille Genugtuung: Sie haben den Westen und die Ölmultis ihre Macht spüren lassen. Selbst moderaten Golfstaaten war es ganz recht, dass in den vergangenen 18 Monaten der Ölpreis von "absurden" 10 Dollar pro Fass (so ein Vertreter des Opec-Sekretariats) auf fast 35 Dollar hochschnellte; Amerika und Europa wurden so an ihre Abhängigkeit erinnert, zugleich hat sich die Finanzlage des Ölclubs dramatisch verbessert. In diesem Jahr fließen rund 250 Milliarden Dollar in seine Kassen, mehr als doppelt so viel (116 Milliarden) wie 1998. Auch die Saudis haben nicht vergessen, dass man die Organisation der Erdöl produzierenden Staaten viele Jahre lang ignorierte und als Papiertiger abtat.

Umso angenehmer, dass man auch im Duell um die öffentliche Meinung triumphiert: Die erzürnten Autofahrer, die Großbritannien gerade durch Panikkäufe an den Rand des Chaos bringen, machen die Steuern ihrer Regierung und nicht gierige Scheichs fürs teure Benzin verantwortlich. Dabei habe die aktuelle Preiskrise überhaupt nichts mit den Verbrauchssteuern zu tun, sagt Fahlid Chalabi, Executive Director des Centre for Global Energy Studies in London, die Steuern hätten sich schon lange auf diesem Niveau befunden. Die Preissteigerungen gingen allein auf die Kappe der Opec. Das Kartell hätte die Produktion früher erhöhen und den Preis stabilisieren müssen.