Wenn sie nicht gerade zu einem Rennen irgendwo auf der Welt unterwegs ist oder ihre Familie im Lelan Distrikt 100 Kilometer nördlich des Äquators besucht, lebt sie in einem weißen Ferienbungalow am Ortsrand von Detmold. Auf Kenias Erde werden zwar die besten Läufer der Welt auf den Strecken von 800 Metern bis Marathon geboren, doch ist diese Erde zu arm, um ihre Läufer bis in die Weltspitze zu tragen.

Manchmal hat sie Heimweh unter dem sonnenarmen westfälischen Himmel, manchmal ist ihr kalt. Das macht nichts. Aus ihren Augen sprüht die Lust, einen Hunger gestillt zu haben, den sie schon als kleines Mädchen hatte, wenn sie den Boden mit der Hacke bearbeitete, Vieh hütete, Kühe molk, Feuerholz sammelte, Wasser schleppte und dabei ein Bündel auf dem Rücken trug - Evelyn, ihre kleine Schwester. Ihren Hunger nach Unabhängigkeit.

Tegla Loroupe ist die beste Marathonläuferin der Welt. Keine Frau lief die 42,195 Kilometer so schnell wie sie - 2:20,23 Stunden. 1994 gewann sie als erste Afrikanerin einen der drei bedeutenden Marathonläufe der Welt, den New-York-City-Marathon. War 21 Jahre alt, sah aus wie eine Schülerin. Im folgenden Jahr gewann sie ihn noch einmal. Jedesmal 30 000 Dollar Siegprämie plus Luxuslimousine.

"Ich war neun Jahre alt, als ich zum ersten Mal von Kipchoge Keino hörte, dem kenianischen Olympiasieger", erzählt Tegla. "Und von unseren anderen großen Läufern. Ich dachte, wieso keine Frau? Wieso immer bloß Männer?" Damals habe sie begriffen, dass sie in die Welt hinauslaufen könne.

Dutzende von Weltrekorden haben die Läufer Kenias aufgestellt, Olympiasiege, Weltmeisterschaften, Medaillen eingefahren. Doch noch nie ist einer von ihnen Olympiasieger im Marathonlauf geworden.

Tegla Loroupe könnte am 24. September in Sydney die Erste sein. Sie würde Geschichte machen. "Tegla", sagen die Frauen daheim, "du hast gezeigt, dass wir Frauen genauso gut sind wie die Männer. Auch wir können nützlich sein für unser Land." Es hat lange gedauert, bis die Männergesellschaft Kenias das wahrhaben wollte; Teglas Vater zuletzt.

"Als kleines Mädchen habe ich mir schon Land gewünscht", erzählt sie. "Einmal sagte ich zu meinem Vater: 'Du hast so viel Land. Wenn ich groß bin, möchte ich auch ein Stück davon.' Er hat gelacht." Das Land ist für Männer; vererbt von Vätern auf Söhne. Land bedeutet Reichtum und Ansehen. Für Männer. Für Frauen bedeutet es Arbeit. Tegla wurde auf Ackerland geboren, an einem Tag, der für ihre Mutter als normaler Arbeitstag in den Feldern begann.