Wer war doch gleich Steffen Heitmann? Ach ja, richtig: ein ostdeutscher Kirchenjurist, der 1993 für das Amt des Bundespräsidenten kandidierte. Nach hochnotpeinlichen Äußerungen, zum Beispiel zu den vermeintlich genuin weiblichen Aufgaben an Herd und Wickeltisch, mußte er seine Kandidatur wieder zurückziehen. In den vergangenen Jahren diente er als Justizminister der sächsischen Landesregierung. Und seinen Parteifreunden, wie in der SZ auf den Seiten Drei, Vier und Fünf nachzulesen ist: Heitmann soll Informationen aus einem laufenden Ermittlungsverfahren an den betroffenen Christdemokraten weitergereicht haben. Zudem habe er sich "selbstherrlich und ohne Rücksicht auf die Gewaltenteilung" in Prozesse eingemischt, so der SZ-Kommentar. Als sich Sachsens Datenschutzbeauftragter und 80 Verwaltungsrichter beschwerten, war Heitmann nicht mehr zu halten. Fazit der SZ: "Sein Rücktritt kommt reichlich spät. Wenn ausgerechnet ein Justizminister der neuen Bundesländer, in denen rechtsstaatliche Prinzipien nocht nicht für jeden eine Selbstverständlichkeit sind, so unsensibel und egozentrisch zu Werke geht, dann ist er der falsche Mann an diesem Platz."
Geradezu verblüffend dagegen die Einschätzung der ansonsten so rechtschaffenen FAZ: "Heitmann, der einzige Justizminister aus Ostdeutschland, hat in seinem Amt bis zuletzt einen durchgreifenden Stil gepflegt, der in den kämpferischen Aufbaujahren sowohl nötig als auch erfolgreich war". Fast unnötig zu sagen, dass sich Heitmann, wie er anläßlich seines Rücktritts erklärte, keiner Schuld bewußt ist. Ebensowenig wie alle anderen Politiker, die zurücktreten mußten oder vielleicht noch werden. Während der Debatte im hessischen Landtag versicherte Roland Koch, "er habe mit der Finanzaffäre nichts zu tun", meldet die FAZ auf der Eins. Zugleich habe er eine Ehrenerklärung für den zurückgetretenen Minister Jung abgegeben: "Dieser bleibe ein ‚anständiger Kerl‘". Bei soviel Anstand schien das Ergebnis der Vertrauensfrage vorhersehbar: Geschlossen votierten CDU und FDP für Koch. Was den Tagesspiegel zu einem Kommentar auf der Titelseite veranlaßt, in dem Bewunderung und Abscheu gleichermaßen mitschwingen: "Koch steht für Kanter-Siege und ein Durchhaltevermögen, das seinesgleichen sucht. Er verkörpert den Machtwillen wie kein zweiter in der Union". Das könnte auch die CDU-Vorsitzende zu spüren bekommen, spekuliert der Tagesspiegel weiter: "Die Woche könnte als der Beginn des Stabwechsels von Merkel zu Koch in die Geschichte der CDU eingehen".

Ob Merkel oder Koch: Die Kampagne der Union gegen die Ökosteuer wird mit Sicherheit fortgeführt. Die taz, in der Medienbranche bisweilen als Hofpostille der rot-grünen Regierung gescholten, setzt dieser Attacke heute ihren Aufmacher entgegen. Unter dem Titel "Die Benzin-Lüge" führt sie aus, dass der Sprit in den letzten 40 Jahren um 230 Prozent teurer geworden ist – während der Brotpreis um 500 Prozent stieg und für Bustickets gar 1000 Prozent mehr bezahlt werden müssen. Insofern, so läßt sich zwischen den Zeilen vernehmen, sei der ganze Heckmeck um die Spritpreise doch geradezu überflüssig. Dass dieser Gedanke gleichwohl nur radelnde taz-Redakteure zu beeindrucken mag, war dem Verfasser des Artikels wohl bewußt: "Die Debatte über den Spritpreis wird von diesen Fakten nicht berührt", schreibt er in einem Moment der Selbsterkenntnis, "Gestern begannen im Saarland und in Bayern die ersten Proteste der Lkw- und Taxifahrer, heute wollen Spediteure, Bauern und Grundeigentümer über weitere Aktionen beraten".

Beratung steht auch andernorts ganz oben auf der Tagesordnung. Um eine feindliche Übernahme durch den schwedischen Börsenbetreiber OM abzuwehren, haben die Londoner Börsenmanager die geplante Fusion mit der Frankfurter Börse einstweilen auf Eis gelegt. Diese Nachricht heben fast alle Tageszeitungen auf die Titelseite, das Handelsblatt macht damit auf. Die Welt fürt das Scheitern in einer Analyse im Wirtschaftsteil auf strategische Fehler des deutschen Börsenchefs Werner Seifert zurück. Er habe mögliche Kooperationspartner wie die Pariser Börse zu früh vor den Kopf gestoßen und wichtige Mitarbeiter verprellt. Der Plan, Seifert zum Chef der fusionierten Superbörse zu machen, habe hernach "Unbehagen" in England ausgelöst. "Seifert muss jetzt die Ärmel hochkrempeln und den Karren aus dem Dreck ziehen", schließt der Verfasser Matthias Iken. "Er hat noch eine letzte Chance".

Da wir gerade bei der Welt sind: Immer wieder köstlich ist die kleine tägliche Glosse "Zippert zappt" auf der Titelseite. Das Thema heute: Die wundersame Vermehrung der Promiszene durch die "Big Brother"-Show. "Zlatko dreht Filme, Despina entwirft Schuhe, Manu moderiert (...). Schlimm genug dass wir das alles wissen, doch wir wissen leider auch, dass Alex Jenny Elvers geschwängert hat, und das ist der Supergau. Ein ‚Containerbewohner‘ zeugt ein Kind mit einer Frau, die eine Ausbildung als ‚Heiner-Lauterbach-Freundin‘ hat. Dieses Kind ist schon jetzt megaprominent. Egal, ob es später naive Bilder malt, handgetöpferte Gedichte schreibt oder drogensüchtig wird, wir werden es immer brühwarm erfahren." Hoffentlich auch aus der Feder dieses Glossenschreibers.

ausgewertet: FAZ, FR, SZ, Welt, Bild, Tagesspiegel, taz, Handelsblatt

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