Die Argumente und Positionen rund um die Themen Ökosteuer und Benzinpreis sind mittlerweile sattsam bekannt. Deswegen gab es im Bundestag eigentlich wenig zu verhandeln. Um den Volkszorn zu dämpfen, rang sich Schröder immerhin dazu durch, "soziale Korrekturen" anzukündigen. Welcher Art diese sein könnten, darüber zerbricht sich die Welt auf einer Hintergrundseite ("Benzin-Proteste in Europa") den Kopf: Bahntickets für Fernfahrten könnten billiger werden, die Kilometerpauschale steigen, Rentner Sudierende und Sozialhilfeempfänger könnten einen Ausgleich für die hohen Ölpreise erhalten. Oder auch nicht. Die Regierung ließ einstweilen nur verlauten, dass sie über alles mögliche nachdenke.

Die Kommentatoren denken deswegen lieber über Friedrich Merz nach, den bislang etwas glücklos agierenden Vorsitzenden der Unionsfraktion. Die FAZ gesteht ihm auf dem Titel einen "Punktsieg" zu, weil er den Kanzler auf das Thema Ökosteuer festnagelte und ihm obendrein vorhielt, ein sozialdemokratischer Kanzler hätte die Deutsche Einheit erst gar nicht zustande bekommen (was der Abgeordnete Kohl, der auch im Plenum war, wohlwollend zur Kenntnis nahm). Ebenso urteilt auch die Welt in ihrem Titelkommentar: "Die Stellung des Friedrich Merz hat sich gestern erst einmal gefestigt". Die SZ registriert zwar "Lebenszeichen aus der Union" und untertitelt den Kommentar mit der Zeile "Die Etatdebatte zeigt, dass sich Schröder langsam wieder an eine Opposition gewöhnen muss", ist aber mit dem Oppositionsführer weiter unzufrieden: "Merz bleibt der kleinteilige Steuerexperte, der lieber von ‚Erhöhungsstufen' bei den Rohstoffen bis Weihnachten spricht, anstatt darüber zu polemisieren, dass die kleinen Leute wegen der explodierenden Heizkosten unterm Tannenbaum frieren müssen". Noch schärfer die Kritik der FR auf Seite Drei, die mit den Worten schließt: "Nein, es herrscht im Lande vielmehr der Kanzler Schröder, und wenn diese Debatte ein Indiz ist, dann tut es ihm fast Leid, dass er dabei auf so wenig Gegenwehr stößt".

Pflanzen und Tiere können sich bekanntermaßen nicht wehren. Deswegen ist es umso notweniger, dass die Menschen, die auf ihnen herumtrampeln, gelegentlich auch mal das Wort für sie ergreifen. Nach dem Gutachten des Umweltbeirats der Regierung ist der Rückgang der Artenvielfalt inzwischen "Schlimmer als das Sauriersterben", wie die SZ auf der Titelseite vermeldet. Grund dafür sei insbesondere die Landwirtschaft, die sich auf wenige, international exportierbare Pflanzensorten konzentriere. "In Indonesien sind zum Beispiel in den letzten 15 Jahren etwa 1500 lokal angepasste Reissorten ausgestorben". Wie nachteilig diese Entwicklung auch für den Menschen sein kann, macht die Welt in einem sehr schönen Interview im Wissenschaftsteil deutlich: Der Botaniker Wilhelm Barthlott erzählt, wie er die Selbstreinigungseffekte von Pflanzenblättern auf Fassendenfarben übertragen hat.

Das sollte auch die Banker der Chase Manhatten interessieren, die ihren Konzern derzeitig mächtig aufputzen. Für 33 Milliarden Dollar in Aktien übernehmen sie die Investmentbank J.P. Morgan, an der auch die Deutsche Bank interessiert war. "Sie steht nun unter Zugzwang, will sie den gestärkten Konkurrenten Paroli bieten", kommentiert das Handelsbaltt. Die Welt hingegen begreift das Problem auch als Chance: Durch die Fusion würden nun viele Manager und Investmentbanker der beiden Häuser ihren Job verlieren und stünden damit zur Verfügung. Der freundliche Ratschlag des Kommentators an die Deutsche Bank: "Jetzt ist ein geeigneter Moment, um Lücken auf der mittleren Ebene zu schließ". So pragmatisch denken wohl auch nur Wirtschaftsjournalisten.

Auch Konrad Kujau, der Fälscher der Hitler-Tagebücher, war ein pragmatisch denkender Mensch: Wenn ihm der Stern nun mal Millionen für den Schmonses zahlt, warum sollte er ihn dann nicht schreiben. Nun ist der Mann, dem die SZ extremen "Borderline-Journalismus" nachsagt am Krebs verstorben. Sein letzter Plan war, verrät der Tagesspiegel in einem Nachruf, nach Berlin zu ziehen, "um hier die Tagebücher Erich Honeckers ans Licht zu bringen". Die hätten wir gerne gelesen. Am liebsten im SZ-Magazin.

ausgewertet: FAZ, FR, SZ, Welt, Bild, Tagesspiegel, taz, Handelsblatt

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