Die Süddeutsche schreibt: "Grüne bestehen auf Ausgleich für Bahnfahrer", die Frankfurter Rundschau: " Grüne lenken bei Pendlerpauschale ein". Die FAZ titelt etwas sperrig: "Beim Ausgleich für die Energiekosten will die Koalition erst genau rechnen", während der Tagesspiegel ironisch meint: "Kilometergeld auch für Fußgänger". Die Welt formuliert etwas erleichtert: "Grüne wollen höhere Pendlerpauschale mittragen." Selbst das Handelsblatt hat das Thema auf der ersten Seiten "Neue Pauschale für Pendler." Nur die Bild, die letzte Woche noch die Autofahrer in den Kampf geschickt hat, mag das Thema nicht. Lieber weist die Redaktion die bei den olympischen Spielen völlig gescheiterte Schwimmerin Franziska von Almsick darauf hin, daß man mit Werbemillionen in der Tasche auch nicht schneller schwimmt. "Franzi, Gold kann man nicht kaufen" weist sie die Bild zurecht.

Das Thema "Steuer-Entlastung" steht also weiter an Top Eins. Obwohl die Ökosteuer an sich nur ein paar Pfennige zum hohen Bezinpreis beiträgt, wendet sich Volkes Zorn gegen die Regierung. Schröder, ein Mann mit feinen Antennen, hat es früh bemerkt, die Grünen nicht; und anstatt mit eigenen Ideen an die Öffenlichkeit zu gehen, hat die Führungsspitze um Joschka Fischer und Rezzo Schlauch nach Meinung der meisten Kommentatoren zu lange gewartet. Die Welt zeigt das Dilemma der Grünen deutlich auf: "Doch damit haben (Rezzo) Schlauch und die Grünen sich ein Problem aufgeladen: Was für Schröder die Rettung, ist für sie ein weiterer Anschlag auf die eigene Glaubwürdigkeit. Inzwischen sei es doch so, meint ein Vertrauter Schlauchs, "dass die Grünen für Steuererhöhungen und die SPD für die Verteilung von Wohltaten zuständig ist". Die Frankfurter Rundschau ist erbost über das ihrer Meinung nach defensive Verhalten der Regierung: "Der aufgeregte Hühnerhaufen, Gerhard Schröder vorneweg und die Grünen zerknirscht hinterher, hat kopflos "Ausgleichsmaßnahmen" angekündigt und sich damit erst richtig in die Defensive geredet. Jetzt stehen sie zwar noch ohne ein konkretes Konzept da, aber draußen im Land ist der Eindruck erweckt, allerlei Ausgleich für die ärgsten Folgen des hohen Ölpreises sei längst zugesagt." In ungewohnter Eintracht pflichtet die Süddeutsche den Kollegen aus Frankfurt bei: "Die rot-grüne Koalition ist in einen regelrechten Klimasturz geraten. Die Explosion der Rohölpreise und die Kampagne von Opposition, einigen Zeitungen und Interessenverbänden gegen die Ökosteuer haben Schröder & Co in die Defensive gedrängt." konstatiert der Kommentator. Überhaupt sehen fast alle Zeitungen einer Erhöhung der Kilometerpauschale skeptisch entgegen. Die TAZ schreibt: "Die Kilometerpauschale fürs Auto und erst recht ihre Erhöhung ist eine ökologische Fehlsteuerung." Denn Bahn- und Radfahrer werden weiterhin mit einem Drittel der steuerlichen Entlastungsmöglichkeiten abgespeist. Das dies weder gerecht noch ökologisch sinnvoll ist, sieht die TAZ. Aber sie erkennt auch noch mehr: "Man wird sich wohl abfinden müssen: Eine vernünftige, zusammenhängende Verkehrspolitik ist von Rot-Grün nicht zu erwarten." Das sieht der Tagesspiegel auch so und der Kommentator macht sich Sorgen um die berufliche Zukunft der grünen Politiker: "Die Ökosteuer ist das letzte große, grüne Projekt. Wird sie gekippt oder auch nur erkennbar ausgehöhlt, dann können sich die Grünen schon mal nach den Berufsaussichten 50-jähriger Ex-Politiker erkundigen."

Und noch eine gesellschaftliche Entwicklung will sich Bundeskanzler Schröder auf die Fahnen schreiben. Während die Grünen mal wieder mit sich selbst beschäftigt sind, verkündet er flugs, nicht nur Boris Becker, nein, ganz Deutschland soll "drin" sprich, online sein. Besonders Schulen, Universitäten, Volkshochschulen und öffentliche Büchereien sollen schon bald den Bürgern einen kostenlosen Internetzugang ermöglichen. Wer gar arbeitslos, Rentner oder Schüler ist, bekommt dieses Privileg sogar per se. Löblich, so der einhellige Tenor der Blätter. Allein Die Welt mokiert: "Das vom Kanzler... kredenzte Berliner Allerlei aus verschiedensten Maßnahmen lässt allerdings argwöhnen, dass Schröder erneut seiner Ich-will-es-allen-recht-machen-Philosophie erlegen und damit auch bei der "Vernetzung" Deutschlands eine Politik der ordnungspolitischen Richtungslosigkeit zu erwarten ist." Die Frankfurter Allgemeine meint, das der "Internet-Führerschein für Arbeitslose" sowieso nichts bringt. Denn nur "...diejenigen, die bereits über eine gute Allgemeinbildung verfügen, (werden) auch diejenigen sein, die moderne Informationstechnologie am sinnvollsten nutzen. ... Wie ausgerechnet häufig unterqualifizierte Arbeitslose den Segen des Computers erfahren sollen, bleibt ein Geheimnis des Kanzlers." Und das schreibt eine Zeitung, die es sich leistet, keinen eigenen Internet Auftritt zu haben.

Ganz andere Probleme verbinden Langstreckenläufer Dieter Baumann und "Richter Gnadenlos" (Bildzeitung), der Hamburger Amtsrichter Schill. Während der eine verzweifelt zu beweisen versucht, wie ein Dopingmittel in die heimische Zahnpastatube und in des Sportlers Blutbahnen ohne seine Mithilfe gelangen konnte, sieht sich der Richter vom Staat verfolgt. Schill hatte zwei Zuhörer bei einer Verhandlung zu einer dreitägigen Haftstrafe verdonnert, weil diese bei seinem Eintreten in den Gerichtssaal nicht aufgestanden waren. Gegen diese drakonische Strafe hatten die beiden Beschwerde eingelegt, doch Schill ließ diese 2 Tage auf seinem Schreibtisch liegen. Zu viel zu tun, so seine Entschuldigung. Die Bösewichte saßen derweil ihre Strafe ab. So geht das nicht, sagten die Kollegen von der Staatsanwaltschaft und schleppten Schill wegen Rechtsbeugung vor den Kadi, der nun über eine Amtsenthebung entscheiden muß. Die Welt vermutet allerdings politisches Ränkespiel hinter der Klage, hatte Schill doch gerade eine Partei namens PRO (Partei Rechtsstaatlicher Offensive) gegründet, der selbst von konservativen Umfrageanalysen ein zweistelliges Ergebnis bei der nächsten Wahl zur Hamburger Bürgerschaft Ende 2001 prophezeit wird. "Denn im Fall einer rechtskräftigen Verurteilung droht Schill eine Mindestfreiheitsstrafe von einem Jahr. ... Überdies verlöre er für die Dauer von fünf Jahren die "Fähigkeit, öffentliche Ämter zu bekleiden und Rechte aus öffentlichen Wahlen zu erlangen." Somit hätte man also Ruhe, vor dem "Rechtspopulisten" (Süddeutsche Zeitung), der von derselben Zeitung auch gerne "Hamburgs Haider" genannt wird.

Dieter Baumann dagegen will unbedingt vor ein Gericht. Die Sperrung durch den internationalen Leichtathletikverband will er nicht auf sich sitzen lassen. Ein "Gnadenersuch" soll nun seinen Start bei den olympischen Spielen ermöglichen. Die TAZ sieht den "Fall Baumann" als exemplarisches Beispiel, für den verrotteten olympischen Geist: "So wird also in Sydney nach allem menschlichen Ermessen gelogen, betrogen und gedopt, dass sich die Balken biegen müssten. Aber sie biegen sich nicht. Sie biegen sich einfach nicht. Und derweil schickt man einen jener Männer weg, die bewiesen haben, dass man ungedopt Olympiasieger werden kann. Eine schreiende Ungerechtigkeit? Das Perfide ist: In der kranken Welt des Sports macht gerade das natürlich Sinn."

ausgewertet: FAZ, FR, SZ, Welt, Bild, Tagesspiegel, taz, Handelsblatt

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