Zum zweiten: Manche, wirklich nur: manche der Bürgerrechtler Ostdeutschlands haben aus ihrem Kampf gegen die Ungerechtigkeit des DDR-Regimes vieles mitgebracht - merkwürdigerweise aber nicht unbedingt eine präzise und liberale Sensibilität für die Feinheiten rechtsstaatlicher Verfahrensweisen. Das reicht von Bärbel Bohleys legendärem Satz: "Wir wollten Gerechtigkeit, aber wir bekamen den Rechtstaat" über die ursprünglichen Vorstellungen von einem populistischen Tribunal über die DDR-Herrscher, von der Vorstellung, man könne die illegal erlangten Stasi-Akten über die Abhöraktionen gegen Helmut Kohl ganz legal in einem rechtsstaatlich geordneten Verfahren veröffentlichen - bis eben zu Heitmanns Fall. Annäherung an Gerechtigkeit erlangt man aber nicht aus der "la meng" - wie man halb-französisch sagt – oder durch indiskrete Telefonplaudereien aus geheimen Akten, sondern nur in exakt eingehaltenen Verfahrensweisen. Denn im Rechtstaat soll zwar der Schuldige bestraft werden, wenn’s geht - noch wichtiger ist aber, dass kein Unschuldiger zu Schaden oder in staatlichen Verruf kommt. Solange jemand nicht rechtskräftig verurteilt ist, ist er als unschuldig zu betrachten - und schon deshalb sind eben staatsanwaltschaftliche Ermittlungsakten vor Indiskretionen zu schützen. Bürgerrechtler sollten das eigentlich am besten wissen, erst recht aber Justizminister.

Und schließlich zum dritten: Ein hochgebildeter und brillanter Jurist wie Kurt Biedenkopf, der politische Chef Heitmanns, hätte die Unmöglichkeit, diesen Justizminister zu halten, in der ersten Sekunde durchschauen müssen. Und man täte Biedenkopf bitter Unrecht, wenn man ihm unterstellt, er habe diesen gravierenden rechtsstaatliche Fauxpas nicht auf der Stelle erkannt. Er hat aber für eine ganze Weile geglaubt, Heitmann politisch durch dick und dünn schleppen zu können. Biedenkopf hat es sogar für angebracht gehalten, gegen den sächsischen Datenschutzbeauftragten, der Heitmann ganz pflichtgemäß und angemessen kritisiert hatte, öffentlich zu polemisieren. Genützt hat es schließlich nichts. Und deshalb ist der Fall Heitmann auch ein Fall Biedenkopf - denn er zeigt an, dass auch die Urteilskraft von "König Kurt" nachlassen kann. Und schon nachlässt ...