Der absurde Streit fing mit der Frage an, ob Helmut Kohl auf der Feier zum 3. Oktober - die tournusmäßig in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden stattfindet - solle reden dürfen, was vom Festkomittee von Anfang an nicht vorgesehen war. Die Frage, in welchem Verhältnis die Verdienste Kohls um die Einheit durch seine fragwürdigen Verdienste um die Finanzierung der CDU verdunkelt werden, mag hier beiseite stehen. Außer Zweifel aber steht doch dieses: Gewiss sind Verdienste zu würdigen, aber in der Regel tun das doch, außer in byzantinischen Herrschaftsgebilden, die anderen - und nicht etwa der Betreffende selbst. Ein kleines Glück, dass für die Ausrichtung der Einheitsfeier in diesem Jahr ein Ministerpräsident von der CDU, noch dazu ein ostdeutscher Regierungschef, zuständig war - und nicht ein Sozialdemokrat. So blieb wenigstens der Streit um Kohls Rede in der Hauptsache einer Problem seiner eigenen Partei.

Jetzt aber kommt der Friedrich Merz, der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU daher, und behauptet: "Es gab keinen maßgeblichen SPD-Politiker, der vor zehn Jahren die Einheit wirklich gewollt hätte." Das ist nun offenkundiger Blödsinn, obwohl sich immerhin Folgendes hätte vernünftig sagen lassen: Der damalige Kanzlerkandidat der SPD, Oskar Lafontaine, hatte im Jahr 1990 wirklich alles getan, um - von der Währungsunion bis zum Einigungsvertrag - dem Einigungsprozess Knüppel in die Speichen zu halten, weil er spürte, dass er gegen einen Kanzler, der die Wiedervereinigung zelebriert, die Wahl nur verlieren könnte. Und der Rest der SPD hatte, erst recht nach dem Attentat gegen Lafontaine - eindreiviertel Jahr vor der Wahl! , nicht die Kraft, seiner erpresserischen Drohung zu widerstehen: "Entweder folgt ihr mir - oder ich werfe den Bettel hin!" Peinlich genug, gewiss. Aber das rechtfertigt doch noch lange nicht die denunziatorische Behauptung von Merz. An seinem Beispiel erkennt man besonders drastisch, wie aus einem Körnchen Wahrheit ein Klumpen Lüge werden kann. Immerhin war es Willy Brandt (SPD) gewesen, der erst zu Eröffnung des Berliner Parteitags der SPD im Dezember 1989 und dann zum Jahresbeginn 1990 ankündigte, jetzt wachse zusammen, was zusammen gehört - und es war immerhin Bundespräsident Richard von Weizsäcker(CDU), der unmittelbar darauf warnend antwortete: Zusammenwachsen - nicht zusammenwuchern! Ach, so sind die Deutschen: Da haben sie einen der wenigen Glücksfälle in ihrer Geschichte zu feiern - und schon führen sie einen der schäbigsten Streite darum! Trost inmitten des Trauerspiels kann man allenfalls in dem Stoßseufzer finden: Wenigstens kein Hurrapatriotismus...