Das fängt schon damit an, dass sich am zweiten Wahlgang mal eben 39 Prozent der Stimmbürger beteiligten. Der Sieger, der Lateinlehrer Fritz Schramma, der auf 52,3 Prozent der abgegebenen Stimmen kam, muss also wissen: Nur jeder fünfte wahlberechtigte Bürger steht hinter ihm. Dabei kann man die Bürger nicht einmal allzu heftig tadeln – bei einem Wahlkampf, der den Eindruck erweckte, als sei der Karneval auf den Spätsommer verlegt worden; bei einem Personalangebot, bei dem sich die Parteien bis auf die Knochen blamiert haben.

Und schon sind wir bei der Frage: Wie kommt’s? Man soll die alten Zeiten nicht vorschnell in den Himmel loben. Aber eines stimmt: Vor Zeiten war die Kommunalpolitik nicht die Hohe Schule, aber eben doch die Fachhochschule der Politik. Dort begannen viele Laufbahnen, die in höchste Ämter führten. Diese Verknüpfung hatte viele Vorzüge: In Städten und Gemeinden wird Politik konkret – da kommt man mit akademischen und ideologischen Debatten nicht weit; es kommt hinzu, dass Bürgermeister nicht nur Politiker sind, die Mehrheiten organisieren müssen, sondern auch Verwaltungschefs, die einen Apparat in Gang setzen und einen Haushalt kontrollieren müssen – kurzum: zum Wort muss immer auch die Tat kommen. In der Kommunalpolitik kann zudem die Persönlichkeit mehr zählen als die Papiere und die Programme, mit denen die Partei raschelt. Und im Kleinen kann man lernen, mit Konflikten umzugehen, ja – um im Geiste Max Webers zu sprechen – seine Seele (und seinen Charakter) an ihnen zu festigen. Vor allem: Man wird die Leute wieder los, bevor sie anderswo größeren Schaden anrichten. Und umgekehrt: Man bekommt dafür – so war es jedenfalls früher gewesen – Kommunalpolitiker von nationalem Rang.

Dieser Typ der politischen Laufbahn ist aber aus der Mode gekommen: Dieser Weg dauert den Ehrgeizigen zu lange – und er fordert zu große Anstrengungen. Im übrigen geht es ja auch schneller – wenn man sich an die Rockschöße einer Partei heftet und sich lieber bei den wenigen Funktionären als den vielen Bürgern beliebt und bekannt und unentbehrlich macht. Die Gefahr kommt also nicht so sehr von der Professionalisierung der Politik selber, vom Trend zur Berufspolitik also, sondern vielmehr von der Tatsache, dass diese professionelle Ausrichtung sich auf die Parteienlaufbahn konzentriert.

Und so kommt es, dass kein Adenauer mehr Oberbürgermeister von Köln wird – und kein Oberbürgermeister von Köln mehr ein Adenauer.