Das schönste Paradox auf diesem Sektor liefert nun die SPD, hier: die Unterabteilung Nordrhein-Westfalen, stellvertretend für den ganzen Laden. Natürlich ist die SPD die klassische Reformpartei, bis auf eine Ausnahme: wenn es um die Reform der Partei selber geht. Franz Müntefering, der Generalsekretär der Bundes- und Vorsitzende der Landespartei, hat nun erfahren müssen, dass der Slogan "Alle Räder stehen still, wenn mein starker Arm es will" sich einmal nicht gegen das böse Kapital, sondern fürs erste gegen die eigenen Reformabsichten skandiert wurde. Wie immer man über Münteferings Pläne im Einzelnen denken mag – diskutieren wird man ja noch dürfen! – , sie hatten jedenfalls zum Ziel, auf mittlere Sicht der ganzen Partei mehr Erfolgsaussichten zu verschaffen. Freilich, die mittleren Funktionäre hatten ihre gegenwärtige kleine Macht bedroht gesehen; sie wären wohl zu jeder Parteireform bereit gewesen, hätte dies ihren eigenen Einfluss verstärkt, selbst wenn jener der Partei darunter weiter gelitten hätte.

Wie in diesem Falle einer einzelnen Partei, so verhält es sich leider in den meisten Bereichen unserer Gesellschaft: Wer Änderungen immer nur dann zulassen will, wenn sie zum unmittelbaren eigenen Vorteil hier und jetzt ausschlagen und wenn sie das steigern, was man schon hat (und zwar in just der Form, in der man es hat) – der wird am Ende immer mehr verlieren. Intelligente Gesellschaften suchen ihren Vorteil auf Neuland, nicht auf ausgetreten Weiden und Wegen. Wer für sich selber immer nur flexibel "nach oben" sein will, wird erfahren, dass es auf diese Weise für alle höchst flexibel "nach unten" geht – am Ende für ihn selber auch.