Ein Mann summt etwas vor sich hin: La-la-lala-la-la, einen Fetzen Melodie, selbst ausgedacht. Der Mann ist dick, dumm und arbeitslos. Aber er hat einen Traum. Seine Tochter, dick und dumm wie er selbst, soll im Schlagergeschäft Karriere machen, und aus Vaters lächerlichem Lalala soll ihr großer Hit werden. Um seinem Traum Beine zu machen, muss der Vater erst eine erfolgreiche Sängerin kidnappen und deren Produzenten unter Druck setzen. Maskiert und bewaffnet sitzt er neben ihm im Auto und brummt: La-la-lala-la-la. Der Produzent kann kaum an sich halten. Doch eine Woche und ein paar bizarre Wendungen später hat der Produzent aus Scheiße Gold gemacht, und der dicke Brocken Tochter ist ein gefeierter Star.

In Dominique Derudderes Film Everybody Famous ist die Unterhaltungsindustrie ein billiger Betrieb, in dem jeder jeden für dumm verkauft - und zugleich ein Zauberreich, in dem die niedrigsten Formeln noch immer die höchsten Gefühlsaufwallungen auslösen können. Man sieht zu, wie ein fades Nichts zur Nummer eins aufgedonnert wird, und bricht trotzdem fast selbst in Tränen aus, wenn die talentlose Tochter ihre geschminkte Schnulze Lucky Manuelo in die Fernsehkameras schmettert, während Papa sich der Polizei ausliefert. Der Belgier Deruddere macht den Zuschauer erst zum wissenden Komplizen, dann zum willigen Konsumenten. Auf die Einsicht in die Verworfenheit des Geschäfts folgt der Kniefall vor dessen Wirksamkeit. Man möchte weinen, aller Dummheit zum Trotz; und man muss lachen, dass man nach so viel Lächerlichkeit gleich wieder aus vollem Herzen mitleiden mag.

Wenn das Kino mit sich selbst kämpft

Everybody Famous ist eine kleine Lektion über Zauberkräfte, die alle Entzauberungen überstehen. Bei Deruddere sieht man, wie leicht es das Kino haben kann. Auf dem Filmfestival von Venedig war das eine beruhigende Erfahrung - inmitten von Filmen, die vor allem zeigten, wie schwer sich das Kino tun kann. Immer wieder geraten die großen Festivals an jenen prekären Punkt, an dem eine Menge Anspruch in einen Haufen Prätention umzukippen droht. Dieser Gefahr lässt sich nicht so einfach ausweichen. Denn natürlich muss ein Festival wie Venedig Filme zeigen, in denen das Kino mit sich selber kämpft, mitunter gegen den Zuschauer, in denen es störrisch ist und sich sträubt. Im Widerständigen versteckt sich allerdings oft die Unfähigkeit, aus einem Sichsträuben wird schnell ein Sichspreizen, und von der Kunstanstrengung des Regisseurs bleibt dem Zuschauer nur die Anstrengung. Andererseits muss man manchmal nur souverän genug an der Prätention vorbeisehen (wie bei Hollywood-Filmen an der Konvention), um etwas zu gewinnen, was über diese hinaus oder an ihr vorbeigeht. Freedom, der neue Film des litauischen Regisseurs Sharunas Bartas, enthält sicher eine viel zu hohe Dosis an autistischem Existenzialismus. Die drei versprengten Gestalten, die an einer wüsten Küste stranden und dann ziellos das Weite suchen, unfähig zur Verständigung, bis sie schließlich einzeln vor die Hunde gehen - sie sind das Zerrbild einer so dumpfen Geworfenheits-Klage, dass man ihnen weder einen ihrer kargen Sätze abnimmt noch, und das wiegt schwerer, ihr nachdrückliches Schweigen. Zugleich aber besitzt Bartas' Film mit seinen minutenlangen Blicken auf Meer, Wind und Gestalt, besitzen Bartas' Filme überhaupt in ihrer extremen Verlangsamung und Sprödigkeit eine Kraft, die tief reichen kann, auch ohne existentialistisches Senkblei. Bei sorgfältiger Ansicht wirkt Freedom wie eine Entschlackungskur für das an dramatische Völlerei gewohnte Auge, ein reinigender Trip an die Grenzen des Nichts. Das Kino von Sharunas Bartas' ist kein Modell, dass man zur Nachahmung empfehlen möchte. Es schärft aber das Gefühl für die Abstände, die das Kino sonst oft behände überspringt, zwischen Bild und Erzählung, Blick und Verständigung, Eindruck und Sinn.

Es gab noch einen anderen rohen Block im Wettbewerb von Venedig, schamlos gegen jede Verdaulichkeit gedreht, verbohrt und obsessiv: O Fantasma (Das Phantom), der Erstlingsfilm des Portugiesen João Pedro Rodrigues, zeigt einen jungen Müllmann beim Verfolgen seiner (homo)sexuellen Fantasien, ein Bündel Begierde, das durch die Nächte treibt ohne Aussicht auf Befriedigung, denn wohin seine Nase auch schnüffelt, seine Zunge auch leckt, nirgendwo findet Sergio mehr als brüchige Rituale von Gewalt und Unterwerfung; denen liefert er sich hilflos aggressiv aus, weil er keine andere sinnliche Verbindung zur Außenwelt mehr spürt. Der Hund von der Müllkippe steht ihm am nächsten, zum Hund regrediert er schließlich selbst. Die letzten zwanzig Minuten des Films tritt er den Weg nach ganz unten an, streunt auf allen Vieren durch den Dreck, ein "Fantom" im schwarzen Latexanzug, ein neuer Wolfsjunge, den die Zivilisation nicht aufgenommen, sondern ausgespien hat. O Fantasma ist furchtbar in seinem düsteren Wiederholungszwang, in seinem strukturellen Minimalismus. Und doch gehört das Phantom-Bild einer unkontrollierbaren Vertierung im Abfall der Gesellschaft zu den tiefsten Eindrücken dieses Festivals; es wird die spontane Verstimmung über Rodrigues' kaum konsumierbaren Film lange überleben.

Wer die Grenzgänge von Bartas und Rodrigues offenen Auges begleitet, dem wird vieles andere aus dem Wettbewerb anschließend eine Nummer kleiner erscheinen, als es eigentlich ist. Woody Allen hat mit Small Time Crooks eine schöne, lose Gangsterkomödie gedreht; Robert Altman fackelt in Dr. T. and the Women abermals ein gemütlich satirisches Chaos ab, diesmal für und gegen die Lebensform Texas; Tom Tykwer bringt in Der Krieger und die Kaiserin erneut zwei verkümmerte Herzen zum Hohelied der Liebe zusammen; Stephen Frears erzählt mit Liam munter melodramatisch von einer Kindheit im Liverpool der dreißiger Jahre, unter dem ideologischen Druck von Katholizismus und Faschismus. Diese Filme sind besser als ein großer Rest. Da keiner von ihnen großartig ist, bleiben sie im Rahmen dessen, was man von ihren Regisseuren erwarten kann. Und schon verlieren sie an Boden gegenüber einem Faustschlag aus dem Dunkel wie O Fantasma.

Eine Überraschung, die jeder erwartet hatte