Hinterher ist Geschichte immer ganz logisch: So kam es - und so musste es kommen. Zehn Jahre deutsche Einheit - was denn sonst? Dass es wirklich so gekommen ist, dafür gibt es reale Gründe. Dass es anders, dass es krisenhafter, gefährlicher, ja gewaltsam hätte kommen können, ist aber so irreal nicht, wie es im Rückblick erscheinen möchte.

Hat sich also das Vernünftige als wirklich erwiesen - und das Wirkliche als vernünftig? Wer das Richtige und das Reale, vulgär-hegelianisch, so eng zusammenspannt, wer also im Rückblick behauptet, es hätte zwangsläufig nur so und nicht anders geschehen können, der unterliegt einer doppelten Täuschung: Er verkennt, zum einen, wie viel Unerreichtes und wie viel noch Uneingelöstes in der Gegenwart und vor der Zukunft liegen - und der verantwortlichen Gestaltung harren. Er reduziert, zum anderen, einen eminenten historischen Glücksfall zu einem Vorgang zwanghafter Routine. Dass aber 1989 - jedenfalls dieses Mal! - die Freiheit über die Diktatur siegte, der Wunsch der Bürger über die Macht der Apparate, dies bleibt einer der ungeahnten Glücksfälle der Geschichte. Und eben auch und gerade der deutschen Geschichte. Was immer ihm vorausging - und was immer ihm noch folgen muss.

Ein deutscher Glücksfall also! Aber damit fangen die Paradoxien des Einigungsprozesses schon an. Gewiss, der Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur zeitigte in Deutschland die auffälligsten Folgen, vor allem in Berlin, weltweit am sinnfälligsten am Brandenburger Tor. Aber es war kein eigentlich deutscher, sondern ein europäischer Prozess. Und selbst die ostdeutsche Bürgerbewegung folgte der polnischen und der tschechoslowakischen - später und geringer an Zahl. Ebendieser Vorantritt der osteuropäischen Nachbarn ist einer der Gründe für einen Imperativ der deutschen Politik: ihnen - gewiss ohne falsche Versprechungen und ohne Illusionen - auf dem Weg nach Europa beizustehen. Und gerade deshalb ist das Gerede über Plebiszite bei der Osterweiterung der EU nicht nur töricht, sondern auch unmoralisch, weil es den Eindruck erweckt, es gebe für die Deutschen - zumindest hypothetisch, vor einem Plebiszit aber ganz real - eine Alternative zwischen Ja und Nein zu einem Beitritt etwa der Polen und Tschechen. Wer etwas anderes denkt, will in Wirklichkeit (und gegen alle Wirklichkeit) die deutsche Wiedervereinigung auf einen rein deutschen Prozess (allenfalls auf einen westeuropäischen Prozess) reduzieren - und hinter sich den östlichen Nachbarn die Tür der Geschichte zuschlagen.

Dagegen steht aber die zweite Paradoxie. Vor 1989 galt es als plausibles Argument, wenn man sagte, die deutsche Einheit setze eine gesamteuropäische Regelung voraus. Heute erkennen wir im Rückblick: Die gesamteuropäische Regelung setzte (und setzt immer noch) ihrerseits die deutsche Einheit voraus. Es gäbe zum Beispiel keine Diskussion über eine polnische EU-Mitgliedschaft ohne ein wieder vereinigtes Deutschland. Wer also - und sei es irgendwo in Westeuropa - ein geteiltes Deutschland behalten wollte, konnte dies nur um den Preis der fortgesetzten Spaltung Europas denken. Der zweite Schritt war vor dem ersten nicht möglich - aber nun muss auch, siehe oben, der zweite Schritt nach dem ersten beherzt getan werden.

In diesem Zusammenhang ein Rückblick auf eine gar nicht so kleine Episode des Jahres 1990: Damals stellte sich die Frage, für den Fall der Wiedervereinigung, welchen Status im Rahmen der Nato Ostdeutschland bekommen solle. Auf keinen Fall könne, so hatte zum Beispiel Egon Bahr vehement argumentiert, Ostdeutschland zum Nato-Gebiet werden. Kohl und Gorbatschow hatten dies im Kaukasus dann anders entschieden, zur Überraschung, wenn auch zur "freudigen Überraschung" selbst der Amerikaner; die freilich waren eher über die Festlegung überrascht, dass in Ostdeutschland keine Atomwaffen stationiert werden sollten. Heute wissen wir: Eine vollständige Ausklammerung des deutschen "Beitrittsgebiets" hätte faktisch verhindert, dass Polen und Tschechien Mitglied der Nato wurden.

Hier wird nun eine dritte Paraxodie erkennbar. Als die Wiedervereinigung in greifbare Nähe rückte, hätte wohl jeder folgender Vermutung zugestimmt: Die innere, die wirtschaftliche und die soziale Einigung werden die Deutschen schon bald zustande bringen - aber die außenpolitische Einfügung des wieder vereinigten Deutschland in seine Umwelt wird ein schwieriger, langwieriger und riskanter Prozess. Es ist genau umgekehrt gekommen. Wer hätte es geahnt, dass die Deutschen sogar in die aktive militärische Kooperation (die Kampfeinsätze auf dem Balkan eingeschlossen, Moskaus Akzeptanz inklusive) nahtlos einbezogen würden, und dies auch noch unter einer rot-grünen Bundesregierung? Dies war die größte (innere und äußere) Verfassungsänderung in der deutschen Geschichte - ohne eine minimale Änderung am Wortlaut des Grundgesetzes.

Die vierte Paradoxie geht von dem Satz aus: Nur wenn der Osten Deutschlands befreit wird und Mauer wie Stacheldraht fallen, werden die Menschen in Ostdeutschland bleiben wollen. Es ist anders gekommen: Nach 1989 hat sich die Abwanderung fortgesetzt, und zwar beschleunigt. Wenn man die freie und friedliche Westwanderung auf die Gesamtbevölkerung Deutschlands "hochrechnete", so entspräche sie einem Bevölkerungsverlust der Bundesrepublik in einer Größenordnung von 25 Millionen Menschen. Wer nur ökonomisch denkt, könnte sagen: Es ist sogar vernünftig, wenn die Menschen zur Arbeit wandern, weil es unter den Bedingungen der Offenheit schwieriger ist, die Arbeit zu den Menschen zu bringen. Aber dahinter verbirgt sich die problematische Tatsache, dass die rein quantitative Abwanderung die qualitative Zusammensetzung der Bleibenden verändert - denn es wandern eher die mobileren, qualifizierteren, jüngeren und wagemutigeren Menschen. Und immer mehr Menschen, die sich von der Zukunft wenig versprechen, bleiben unter sich. Die preußischen Herrscher bis zu Friedrich dem Großen betrieben die "Peuplierung" des Landes, um es zu kräftigen - und sie taten etwas für die fremden Neuankömmlinge. Heute weisen die Bleibenden alles ihnen "Fremde" ab - eine nicht nur für die Opfer der Fremdenfeindlichkeit gefährliche Entwicklung.