Der Schlag saß. Zwar hatten die Arbeitgeber, wie die Gewerkschaften, mit Post aus dem Arbeitsministerium gerechnet: Dort, das wussten sie, wurde an neuen Regeln für befristete Arbeitsverträge getüftelt. Doch nach der Lektüre des Gesetzentwurfes, der sie am vergangenen Freitag erreichte, verschlug es ihnen beinahe die Sprache. Die Arbeitgeber waren geschockt. "Der Entwurf ist eine Katastrophe", sagt Roland Wolf, der bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) für Arbeitsrecht zuständig ist. Nicht nur wegen der neuen Bestimmungen zum Abschluss befristeter Verträge: "Noch viel gravierender sind die Hinweise zu den Teilzeitkräften", sagt Wolf. "Die sind natürlich ein Hammer."

Denn künftig, so sieht es der Entwurf vor, sollen Arbeitnehmer erstmals einen Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit haben. Einzige Voraussetzung: Der Mitarbeiter muss mindestens sechs Monate im Unternehmen sein und drei Monate im Voraus ankündigen, an welchen Wochentagen er wie viele Stunden arbeiten möchte. Wenn das dem Chef nicht passt, gerät der in Beweispflicht. Er muss "nachweisen, dass eine dem Berufsbild des Arbeitnehmers entsprechende Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung steht", wie es zur Erläuterung heißt - also belegen, dass er keinen Ersatz für die frei werdenden Stunden finden kann.

Ziel des Gesetzes ist es einerseits, die vorhandene Arbeit auf mehr Köpfe zu verteilen, um so die Arbeitslosenquote zu senken. Andererseits soll es den Arbeitnehmern zu mehr Freiheit verhelfen: Wer nicht die volle Zeit arbeiten will, kann diesen Wunsch nun verwirklichen und sich häufiger der Familie oder den Hobbys widmen. Das Arbeitsministerium beruft sich dabei auf eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das zur Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit gehört. Wenn alle Beschäftigten ihren Wünschen entsprechend weniger arbeiten könnten, so das Ergebnis, entstünden rein rechnerisch eine Million neue Stellen. Allerdings wäre der tatsächliche Zuwachs an Arbeitsplätzen nicht ganz so simpel zu berechnen, das weiß man auch beim IAB. Meist möchten die Mitarbeiter nur um wenige Stunden reduzieren. Da steht dann nicht ohne weiteres Ersatz auf der Straße, besonders wenn nur ein Kollege kürzer treten will.

Zudem geht IAB-Bereichsleiter Eugen Spitznagel davon aus, dass die kürzere Arbeitszeit - sofern sich der Mitarbeiter selbst dafür entscheidet - "wahrscheinlich eine höhere Produktivität bedeutet". Dass der Mitarbeiter also umso frischer und engagierter seine Arbeit tut, wenn er mehr persönlichen Freiraum hat, und es obendrein weniger Leerlauf gibt. Dass also nicht alle frei werdenden Stunden neu besetzt werden müssen. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine Studie von McKinsey. Schon 1994 rechnete die renommierte Unternehmensberatung vor, dass eine Verkürzung der Arbeitszeit wegen dieses Effekts die Kosten der Betriebe langfristig nicht erhöhe, sondern verringere. Die durchschnittlichen Anlaufkosten amortisierten sich binnen eines Jahres. Allerdings stieß McKinsey mit dieser Erkenntnis meist auf taube Ohren.

Bis heute zeigen sich die allermeisten Chefs dennoch sperrig, wenn Mitarbeiter ihre Arbeitszeit verkürzen wollen. Doch es gibt auch Unternehmen, die Teilzeitarbeit fördern und damit gute Erfahrungen machen - vom Pharmakonzern Schering bis zum kleinen Software-Produzenten Comet, wo zwei Drittel der rund 60 Mitarbeiter nicht die volle Stundenzahl arbeiten. "Das kommt dem Arbeitsklima zugute. Die Leute kommunizieren mehr. Und weil sie selbstbestimmter arbeiten, fühlen sie sich eher verantwortlich", sagt Comet-Chefin Sissi Closs. Zwar musste sie einen zusätzlichen Arbeitsplatz für die Koordination einrichten. Aber: "Das zahlt sich trotzdem aus."

Allerdings: Die Unternehmensgründerin hatte sich freiwillig dazu entschlossen, Teilzeitarbeit zu ermöglichen. Und sie konnte gemeinsam mit ihren Angestellten jeweils nach einem praktikablen Weg suchen. Jetzt aber sollen die Arbeitgeber jedem Wunsch nach individueller Arbeitszeit nachkommen, sofern nicht besonders triftige Gründe dagegenstehen. Solch eine Vorschrift sieht man selbst beim Teilzeit-Verfechter Comet skeptisch. Umso erboster ist Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. "Das stellt viele Arbeitgeber vor unlösbare organisatorische und arbeitsrechtliche Probleme", empört er sich. "Eine verlässliche Personal- und Arbeitszeitpolitik ist damit ausgeschlossen." Weil die Unternehmen obendrein nicht mehr so problemlos wie bisher befristete Arbeitsverträge abschließen können, sieht er in dem Gesetz eine "Beschäftigungsbremse". "Wenn dann jeder Piefke kommt und Teilzeitarbeit verlangt", empört sich auch Arbeitsrechtsexperte Roland Wolf, "dann wird es kriminell."

Nicht jeder kann es sich leisten, weniger zu verdienen