Private Kontodaten im Internet offen lesbar", so oder ähnlich steht es in der Zeitung. Dass persönlichste Informationen für die ganze Welt verfügbar werden, gehört zum neuen Alltag in der Informationsgesellschaft. Ob es um digitalisierte private Krankengeschichten geht, um elektronisch gespeicherte Vorstrafenregister oder individuelle Vorlieben: Die Privatheit, zentrales Element der bürgerlichen Gesellschaft, droht unter den fremdartigen Eigengesetzlichkeiten des Internet verloren zu gehen.

Denn von Datenschutz im Internet kann heute keine Rede sein. Und die Politik sieht sprach- wie tatenlos zu, wenn moderne Datenhaie ungestört und emsig dabei sind, aus leicht im Internet zusammenzuraubenden Bürgerdaten facettenreiche virtuelle Biografien zu kombinieren. Für diese Datenschürfer ist der gläserne Bürger längst machbar geworden.

Politisches Handeln tut Not. Lähmend wirkt dabei die fatalistische Meinung, die Globalität des Problems lasse keine nationalen Alleingänge zu. Aus dem Zusammenprall von Internet und Privatsphäre folge nun einmal unweigerlich das Ende der Privatheit. Wir werden sehen. Richtig ist immerhin, dass es bislang keinen Politikentwurf gibt, der Konsequenzen aus der massiven Überwachung der im Internet offen liegenden Privatheit zieht. Tatsächlich müsste korrekterweise zunächst einmal von einer sich teilenden Privatheit gesprochen werden. Zu unterscheiden ist nämlich zwischen einer weiterhin konventionell rechtsstaatlich geschützten Privatheit und einer anonym "abgreifbaren" im Netz. Zur hohen Kunst des guten Regierens im Internet-Zeitalter wird es gehören, den drohenden Verfall der Öffentlichkeit in zerstreute, untereinander konkurrierende und koalierende (Netz-)Öffentlichkeiten als entscheidende Gestaltungsaufgabe zu interpretieren.

Dabei fallen merkwürdige Widersprüche auf: Wenn heute 12-Jährige ihren Eltern dabei helfen, endlich online zu gehen, wird dies gern als Zeichen für die "Zukunftsfähigkeit" der Kinder gedeutet. Frühzeitig zu wissen, was URL heißt, was sich hinter HTML verbirgt, wie über das Menü die Startleiste zu erreichen, wie eine Suchmaschine zu bedienen ist, dass Surfen nichts mehr mit Wasser zu tun hat und was Desktop-Publishing vom Mailen unterscheidet - das alles scheint vielen Eltern jede frühe Anstrengung wert zu sein. Mindestens wollen sie ihren Kindern heute schon die Sorgen um einen sicheren Arbeitsplatz nehmen. Das ist ehrenwert. Merkwürdig im Kontrast dazu steht aber die wachsende Sorge der Bürger vor dem Verlust ihrer privaten Daten im Internet. Nach Umfragen sind viele Internet-Nutzer davon überzeugt, dass ihre private Online-Aktivität nicht privat bleibt - das Surfen lassen sie dennoch nicht sein.

Dass angesichts dieses Widerspruchs gerade in Deutschland kein Proteststurm losbricht, kann schon verwundern. Noch 1983 wehrte sich das Volk der Westdeutschen vehement dagegen, zum Objekt der Befragung durch die Obrigkeit zu werden. Der Protest wurde rechtsstaatlich abgearbeitet, am Ende gestand das Bundesverfassungsgericht dem Bürger sein gutes "Recht auf informationelle Selbstbestimmung" zu. Doch der Richterspruch, gern und oft als neues Bürgerrecht zitiert, wurde von der Politik nie wirklich als gesellschaftlicher Reformauftrag begriffen. Ebendeshalb hinkt auch das Bundesdatenschutzgesetz hoffnungslos hinter dem galoppierenden Wandel der Computertechnik her.

Kein Wunder, dass der Bürger, jetzt als "Netzbürger", nicht wissen kann, welche Informationen wo über ihn gespeichert sind. Er weiß nichts darüber, ob diese Informationen richtig oder falsch sind und wer zu diesen Informationen Zugang hat. Ob seine elektronisch verschickten Informationen unterwegs manipuliert oder kopiert werden, bleibt ihm ebenfalls verschlossen. Eine Untersuchung des Verbraucherverbandes der Niederlande aus dem Jahre 1998 registriert 900 öffentliche und private Datenbanken, in denen personenbezogene Daten des durchschnittlichen Bürgers gesammelt werden, ohne dass dieser irgendeine Ahnung davon hätte, was in den gesetzlosen Weiten des Cyberspace mit seinen Daten so alles getrieben wird.

In Deutschland hat die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände untersucht, welche "Datenspuren" der Einkauf im Internet hinterlässt. Das Ergebnis hat es in sich: Im Internet geht es längst nicht mehr bloß darum, beim Kauf eines Buches oder der Bestellung einer Pizza Namen und Anschrift anzugeben. Zur Normalität gehört eben auch, dass die Nutzer dem Netz ihre Kreditkartennummern und Bankverbindungen, ihre Krankengeschichten und Medikamente preisgeben. Nur die wenigsten Anbieter von elektronischen Dienstleistungen legen offen, was sie mit den so gesammelten privaten Daten eigentlich machen.