Am meisten wünschte sie sich, ihre Kinder sehen zu dürfen – Seite 1

Sie war noch sehr jung, als sie verheiratet wurde. Die Gründe dieser Ehe waren dynastischer Art, und für sie gab es keine andere Möglichkeit, als sich zu fügen. Aber die Ehe mit einem nur wenige Jahre älteren Fürsten entwickelte sich für sie von Anfang an unglücklich.

Schuld daran war die Mätresse des alten Kurfürsten, die um ihre einflussreiche Stellung fürchtete und nun gegen die junge Landesherrin intrigierte. Was der jungen missfiel und womit sie sich nicht abfinden wollte, war die Tatsache, dass ihr Gemahl gegen die Intrigen nichts unternahm, sondern alles so laufen ließ. Das enttäuschte sie sie fühlte sich betrogen, ja verletzt, und sie wollte das nicht einfach hinnehmen.

Und dann verliebte sie sich in einen ebenfalls noch jungen Offizier, der ihr den Hof machte, heimlich und größtenteils nur auf Papier. Sie schrieben einander viele lange Briefe, teilweise in Geheimschrift, und den darin erwähnten Personen gaben sie Decknamen oder Nummern.

Dabei kam es häufig zu Fehlern und Missverständnissen, zumal sie die Briefe häufig in großer Eile schreiben mussten, um nicht entdeckt zu werden.

Doch mussten die Liebenden schließlich einsehen, dass ihr Verhältnis, das sich über Jahre hinzog, auf Dauer kein Geheimnis bleiben konnte.

Deswegen entschlossen sie sich zur Flucht in ein anderes Land. Aber das Vorhaben wurde entdeckt, und ihr Geliebter blieb seit jener Nacht spurlos verschwunden. Und selbst sie wurde in Verbannung geschickt, nachdem ihre Ehe gelöst worden war und man ihr die Kinder genommen hatte, eine Tochter und einen Sohn.

Einige Jahre später schrieb sie an den regierenden Kurfürsten, ihren Exgemahl, einen langen Kondolenzbrief: Mein Herr! Ich gebe mir die Ehre, an Ew. kurfürstliche Hoheit zu schreiben, um Ihnen zu versichern, dass ich aufrichtigen Anteil nehme an der Trauer, die Sie über den Tod des Herrn Kurfürsten, Ihres Vaters, empfinden. Ich bitte Gott, dass er Sie tröste, und dass er Ihre Regierung mit seinen kostbarsten Gnadengaben segne und Ew. kurfürstliche Hoheit mit Glück aller Art begnade.

Am meisten wünschte sie sich, ihre Kinder sehen zu dürfen – Seite 2

Diese Wünsche werde ich mein ganzes Leben lang für Sie hegen, und ich werde mich niemals darüber trösten, Ihnen missfallen zu haben. Ich beschwöre Sie, mir Verzeihung für meine früheren Vergehen zu gewähren, worum ich Sie noch einmal auf den Knien von ganzem Herzen bitte. Der Schmerz, den ich darüber empfinde, ist so lebhaft und so bitter, dass ich es nicht sagen kann. Die Aufrichtigkeit meiner Reue darf Verzeihung von Ew. kurfürstlichen Hoheit erhalten, und wenn Sie mir als Gipfel Ihrer Gnade gütigst gestatten wollten, Sie zu sehen und unsere teuren Kinder zu umarmen, so würde meine Dankbarkeit für so ersehnte Gunstbeweise unbegrenzt sein, da ich nichts glühender wünsche als diese Genugtuung, worauf ich zufrieden sterben würde. Inzwischen hege ich tausend gute Wünsche für Ihre Erhaltung und Ihr Wohlergehen und bin in tiefster Unterwürfigkeit und Hochachtung Ew. Kurfürstlichen Hoheit ganz ergebene und gehorsame Dienerin ...

Am selben Tag schrieb sie auch der Witwe des in der Nacht zuvor verstorbenen Kurfürsten: Madame! Es entspricht meiner Pflicht sowie meiner Neigung, Ew. kurfürlichen Hoheit zu versichern, dass es niemanden gibt, der mehr als ich Anteil an dem Schmerz nimmt worin der Tod des Herrn Kurfürsten, Ihres Gemahls, Sie versetzt hat. Ich bitte Gott von ganzem Herzen, Madame, dass er Sie trösten und Ew.

kurfürstlichen Hoheit noch eine lange Reihe von Jahren in Glück und guter Gesundheit gewähren möge.

Ich beschwöre Sie noch einmal, mir alles das zu verzeihen, was ich getan habe und was Ihnen missfallen haben kann,und sich ein wenig für mich bei dem Herrn Kurfürsten, Ihrem Sohn, zu verwenden. Ich flehe Sie an, mir die Verzeihung zu gewähren, die ich so schmerzlich ersehne und mir zugestatten, meine Kinder zu umarmen.

Mein höchster Wunsch wäre es auch, Madame, Ew. kurfürstlichen Hoheit die Hände zu küssen, bevor ich sterbe. Wenn Sie mir diese Gunst gewährten, würde ich von tiefster Erkenntlichkeit durchdrungen sein. Ich flehe Sie an, mir die Ehre zu erweisen, zu glauben, dass nichts der unbegrenzten Hochachtung gleichkommt, womit ich bin Ew. Kurfürstliche Hoheit Dienerin.

Als sie diese Briefe schrieb, in denen sie so sehr um Vergebung bat, war sie 31 Jahre, und die Affäre mit dem Offizier, der wohl ermordet und beseitigt worden war, lag 3 Jahre zurück. Aber sie blieb noch fast 30 Jahre verbannt.

Wer war's?

Am meisten wünschte sie sich, ihre Kinder sehen zu dürfen – Seite 3

Auflösung aus Nr. 36: Zu erraten war: Lady Burghersh, die Ende 1813 Gast im Hauptquartier der gegen Napoleon kämpfenden Verbündeten war und ihre Eindrücke in Briefen beschrieb.

Sie war am 13. März 1793 auf die Welt gekommen, als Fane, Priscilla Anne, Countess of Westmorland, viertes Kind von William Wellesley-Pole. Sie wurde berühmt als Philologin und Malerin. Sie starb am 18. Februar 1879