Es ist nicht zu übersehen: Deutsche Aktien haben die Rentenpapiere klar ausgestochen, zumindest in den vergangenen sechs Jahren. Wer heute mit seiner Geldanlage nicht zufrieden ist, hatte damals einfach nicht begriffen, dass die Aktie auch in Deutschland das beste Mittel ist, um über die Jahre sein Vermögen zu mehren. Weltweit hat sich gezeigt: Kursgewinne und Dividenden bringen über die Zeit locker 15 Prozent jährlich, womit sich der Einsatz im Schnitt alle fünf Jahre verdoppelt. Auch Langfriststudien belegen, dass es sogar beim ungünstigsten Einstiegspunkt weniger als 15 Jahre dauerte, bis Aktien ein positives Resultat erbrachten. Demnach braucht es also lediglich Geduld, um mit Beteiligungspapieren reicher zu werden. So weit die Statistik, doch denkt kaum jemand in solchen Zeiträumen. In der Praxis ist es bedeutend schwerer, die Nerven zu behalten, wenn die Kurse fallen. Verkauft wird dann oft am Tiefststand - mit entsprechenden Verlusten.

Gleichwohl, das Hohelied der Aktie wird weiterhin gesungen, inzwischen sogar schon in Modejournalen und Erotikmagazinen. Großzügig übersieht man, dass die Statistik auch Rückschlüsse zulässt, die die Überlegenheits-Saga relativieren. So warfen zwischen 1968 und 1994 deutsche Rentenpapiere gleichwertige Erträge ab - schonten aber die Nerven. In 18 dieser 27 Jahre hatten die Dividendenwerte gegenüber den festverzinslichen Papieren renditemäßig sogar das Nachsehen.

Der unten grafisch dargestellte Anlagevergleich über das vergangene Vierteljahrhundert zeigt, dass sich die Performance der deutschen Aktien erst von 1996 an deutlich von derjenigen der Renten abheben konnte. Außerdem lässt sich ablesen, dass ein Aktienkauf im falschen Moment mehrere Jahre Strafzeit bedeuten kann. Eine lange Zeit, um den Glauben an die Überlegenheit der Aktie zu behalten. Kein Wunder also, wenn die Deutschen bisher lieber Zinsen als Dividenden kassierten.

Doch inzwischen hat auch in Deutschland die Aktie an Popularität gewonnen.

Nicht zuletzt, weil markante Einbrüche der Börsen wie beim Crash 1987, bei dem US-Bankendebakel oder den Krisen in Kuwait, in Asien und den Emerging Markets spielend weggesteckt wurden. Im Nachhinein entpuppten sich die Verkaufspaniken immer als grandiose Einstiegschancen. Nachdem sich der Dax innerhalb von fünf Jahren verdreieinhalbfachte, legt die Erfahrung allerdings nahe, dass die Reise nicht im gleichen Tempo weitergeht. Die vergangenen Monate haben am augenfälligsten am Neuen Markt, aber auch bei Titeln der Konsumbranche und zyklischen Werten deutlich gezeigt, dass das Gewonnene sehr schnell wieder verloren gehen kann. Aktiengeschäfte sind riskanter geworden.

Aber wie anders soll man ein anständiges Resultat erzielen, wenn Festgeld nur rund drei oder Anleihen kaum mehr als fünf Prozent abwerfen und auch Immobilien nicht das Gelbe vom Ei versprechen? Die Kernfrage deshalb: Hat man mehr Angst davor, mit Aktien Geld zu verlieren oder ohne Aktien ein besseres Ergebnis zu verpassen?

Kurzfristig gehe ich davon aus, dass an den europäischen Börsen mit Gegenwind zu rechnen ist. Zinstrend, Liquidität, Kredittätigkeit und Inflationsaussichten sind für Aktien weniger positiv als in den vergangenen Jahren. Mittel- bis längerfristig sprechen aber gute Gründe für die Dividendenpapiere. Einer davon ist die Vermögensstruktur der Deutschen. Ende 1997 entfielen nach einer Untersuchung der Bundesbank von insgesamt 14 000 Milliarden Mark Gesamtvermögen ganze 6,3 Prozent auf Aktien und Investmentzertifikate. Immobilien beanspruchten gut 50 Prozent des Kuchens, weitere 28 Prozent bestanden aus Rentenwerten sowie Geldvermögen bei Banken, Versicherungen und Bausparkassen. Immerhin hat der Geldfluss in Richtung Aktiensparen nach glaubwürdigen Schätzungen in den neunziger Jahren kontinuierlich zugenommen, doch von amerikanischen Verhältnissen - über 50 Prozent der Haushaltsvermögen in Aktienanlagen - ist man in der Bundesrepublik noch weit entfernt. Mit anderen Worten: In Deutschland besteht Nachholbedarf. Studien über das Anlageverhalten deutscher Pensionskassen, Stiftungen und Versicherungen belegen eine niedrige Aktienquote. Die dürfte sich künftig erhöhen. Das aber bedeutet weitere Käufer, das wiederum heißt: steigende Kurse. Und deshalb ist es ein zusätzliches Argument, deutsche Aktien zu kaufen, bevor es alle tun.