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Montag. Adriano Celentano schnarcht. Immer tiefer und energischer werden seine Atemzüge - und immer lauter. Die vor uns auf der Leinwand aufscheinenden Wörter sieht er nicht, die Sprecher der italienischen Vokabeln und deren deutsche Übersetzung hört er nicht. Ich auch nicht, und darum rüttle ich ihn leicht an der Schulter. "Hmm?! Oh, danke!", brummelt er.

Im wirklichen Leben betreibt der untersetzte 52-Jährige mit dem schütteren Haar und dem niederbayerischen Zungenschlag einen Krankenpflegedienst und handelt mit Autotextilien. Auch Elisabeta Rosa und Gina Rossi, 38, die in den beiden sehr bequemen Liegesesseln neben uns ruhen, heißen nur während der sechs Tage dieses Italienisch-Intensivkurses so. Der Identitätswechsel soll uns helfen, tiefer in die fremde Sprache einzutauchen. Elisabeta ist in Wirklichkeit Produktmanagerin eines Textilunternehmens, Gina Sonderschullehrerin und als dreifache Mutter zurzeit Hausfrau.

Wir sitzen zusammen in diesem Kellerkino in einem Münchner Vorort, weil wir für 2900 Mark (plus Mehrwertsteuer und Unterkunft) einen Italienischkurs beim Alpha College gebucht haben. Ohne oder nur mit geringen Vorkenntnissen in der fremden Sprache sollen wir binnen sechs Tagen die Grundgrammatik beherrschen und uns "in der Umgangssprache fließend unterhalten, ohne dabei perfekt zu sein". Verspricht der Prospekt. 700 bis 900 Vokabeln sollen wir dann parat haben, "mehr hat Konrad Adenauer auch nicht benutzt", wie College-Gründer Marc Hermann Leis gern kolportiert. Gymnasiasten bräuchten für 500 bis 700 Wörter in einer neuen Sprache ein ganzes Schuljahr.

Dienstagvormittag. Ein bisschen leichter hatten wir uns das Lernen schon vorgestellt. Acht bis neun Stunden täglich sind wir am Keulen. Wir wollen ein Erfolgserlebnis, und wir wollen es sofort. Im Übungsraum stottern und schwitzen wir vor einer Landkarte, sollen den Weg erklären. So käme unser Gegenüber nie ans Ziel.

Beim Mittagessen ist Gina völlig niedergeschlagen: "Ich lerne ja nichts, Elisabeta ist ja schon viel weiter." Elisabeta wiederum tritt auf der Stelle, ihre Vorkenntnisse waren doch größer als gedacht.

Audiovisuelles Superlearning soll kleine Wunder an uns vollbringen. Die Hochzeit der Superlearning-Methode lag in den achtziger Jahren. Dutzende Institute versprachen "Lernen wie im Schlaf" - mal mehr, mal weniger seriös.

Die meisten existieren heute nicht mehr.

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Sie alle beriefen und berufen sich auf den bulgarischen Arzt und Psychotherapeuten Georgi Lozanov. Der simple Grundgedanke seiner Suggestopädie genannten Methode: Ist der Mensch entspannt und gleichzeitig geistig konzentriert, im so genannten Alpha-Zustand, sei das Gehirn aufnahmefähiger. Herkömmliche Lehrmethoden sprächen vor allem die linke Gehirnhälfte an. Über sie könnten Vokabeln nur durch ständige Wiederholung ins Langzeitgedächtnis gebracht werden. Suggestopäden wollen deshalb vor allem die rechte Gehirnhälfte ansprechen, die mehr Informationen aufnehmen könne - und sie vor allem direkt im Langzeitgedächtnis abspeichere.

Durch eine Kombination verschiedener Entspannungstechniken, den Einsatz von Barockmusik und vielen Elementen, die den Stoff spielerisch verankern sollen, erzielte Lozanov an der Universität Sofia beachtliche Erfolge. Auf breiter Basis wurde seine Methode bis heute jedoch wissenschaftlich weder bestätigt noch verworfen. Sinnvoll angewandt, darin sind sich die meisten Forscher und Praktiker einig, kann sie aber durchaus effektiv sein.

Marc Leis reklamiert für sich, die Methode weiterentwickelt zu haben: "Die anderen haben nur aufs Hören gesetzt. Ich will mehr Sinne ansprechen." Das Auge lernt mit. Aus dem Pressetext: "Die Diamultivisionsshow versetzt den Teilnehmer dank Farbentspannung in einen Zustand, in dem der Körper entspannt, der Geist zugleich aber hellwach ist."

So ein Seminartag beginnt mit der Einführung in eine neue Lektion. Das heißt "Decoding". Daran schließt sich die "Multi-Sense-Präsentation" an. Das bedeutet, dass der Trainer - in unserem Fall die flotte Uniabsolventin Michela, 28, - mit kräftigem Körpereinsatz und munterem Minenspiel die neuen Vokabeln bildhaft zu machen versucht. Dazu spielt Musik - mal Pop, mal Klassik - aus dem Kassettenrecorder.

Der jeweilige Höhepunkt am Vor- oder Nachmittag ist die "mental-aktive Alpha-Multivision" im Kellerkino. Dazu wird das Spektrum des Regenbogens Farbe für Farbe auf eine Leinwand projiziert und von Barockmusik untermalt.

Die hat sich als besonders "Alpha"-tauglich erwiesen - vor allem die Goldberg-Variationen, einst von Bach für den russischen Gesandten Graf Keyserlingk komponiert, der unter Schlafstörungen litt. Dann erscheinen die Vokabeln auf der Leinwand, werden vorgelesen. "Originaltonation und Schriftbilder fließen direkt in die Langzeitspeicher des Gedächtnisses", wird im Werbeprospekt erläutert.

Anschließend das so genannte Refreshing. "Der Trainer holt", laut Prospekt, "mit einer didaktisch auf die Methode abgestimmten Fragetechnik die Vokabeln und Redewendungen an die Oberfläche." Michela hält uns Pappkarten vor die Nase. Schulmäßiges Abfragen. Dabei hieß es doch: "Die Alpha College-Methode vermeidet alles, was an Schule erinnert." Denn, sagt Marc Leis: "Schule signalisiert Stress. Und der lähmt die Aufnahmefähigkeit."

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Dienstagnachmittag. Die Alpha-Phasen beschränken sich also auf zweimal eine halbe Stunde Kellerkino. Vier Sitzungen wären auch möglich, doch das würde zulasten der Kommunikationsfähigkeit gehen. Beim anschließenden Vokabelabfragen haben wir allerdings nicht den Eindruck, dass sich da etwas direkt ins Langzeitgedächtnis gebrannt hätte. Gina klagt: "Ich weiß nur die Sachen, die ich vorher schon wusste." In der Nachmittagsvorstellung schlafe ich ein. Adriano feixt.

Das Alpha College kann beachtliche Referenzen aufweisen: Manager von Siemens, Audi, BMW, Grundig, Nestlé, Hoechst. Sogar Schumis Pressesprecher Heiner Buchinger und die lustigen Musikanten Marianne und Michael haben lobende Worte im Gästebuch hinterlassen.

Alpha-Chef Leis, 40, trägt die lockigen Haare zum Künstlerpferdeschwanz gebunden. Er spricht leise und konzentriert - "wie ein Psychologe", notiere ich. Das College ist aus einem Nachhilfe-Institut hervorgegangen

mit ihm finanzierte Leis sein Psychologiestudium. 80 Prozent des Angebots entfällt auf Englischseminare. Ein Kurs besteht aus drei bis sieben Teilnehmern. Die 20 Trainer sind allesamt Muttersprachler und wurden über Schauspiel- und Künstleragenturen, Jobbörsen und Inserate angeworben. "Spaß, Spiel, Spannung" sind das Konzept, erklärt Leis. Gleich drei Dinge auf einmal ...

Mittwoch. Adriano ist besoffen, ich bin seine verrückte Frau

wir versuchen, bei Gina, dem tuntigen Hotelportier, ein Zimmer zu buchen. Ein Rollenspiel.

Elisabeta hat den Kurs verlassen - sie hatte zu gute Vorkenntnisse. Dafür darf sie später einmal in einen Fortgeschrittenen-Kurs. Während der Kinositzungen überwache ich mich ständig, ob ich denn nun im Alpha-Zustand bin oder nicht. Abends gehe ich in eine Pizzeria. Der Kellner spricht nur deutsch.

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Jeder vierte Teilnehmer kommt auf Empfehlung, sagt Leis. Privatkunden machen vielleicht 12 bis 15 Prozent aus. Vonseiten der Wirtschaft boomt die Nachfrage. Globalisierungsopfer, deren Schulenglisch teilweise 20 Jahre zurückliegt. Altersgrenzen gibt es nicht: Der älteste Teilnehmer war 78, lernte Spanisch, weil er nach Chile auswandern wollte.

Nicht nur Sprachkurse, auch Managementseminare über Verkaufen, Diskutieren, Stress oder Rhetorik kann man beim Alpha College belegen. Sobald der richtige Trainer gefunden wurde, kann das mentale Golftraining ("Platzreife in fünf Tagen") an den Start gehen. Computer-Indern will Leis Deutsch beibringen. Und dann hat er noch einen Wunsch: "Mentales Fußballtraining für die deutsche Nationalmannschaft."

Donnerstag. Wir springen im Kreis, skandieren Deklinationen und unregelmäßige Verben. Und warten weiter auf den großen Durchbruch. Leis erzählte von einer Teilnehmerin, die am letzten Abend plötzlich losplapperte. Andere schrecken angeblich aus dem Schlaf, weil sie plötzlich in fremden Zungen träumen und sich selbst nicht mehr verstehen. Ich kann noch immer keinen zusammenhängenden Satz sprechen, der aus mehr als vier Wörtern besteht.

Werner Kinzinger, Geschäftsführer des Verbraucherschutzvereins Aktion Bildungsinformation in Stuttgart, zum Thema "Superlearning": "Mittlerweile hat sich der Markt weitgehend bereinigt. Die heutigen Anbieter sind in der Regel seriös. Auch die Nachfrage hat sich eingependelt. Superlearning ist keine Methode für die Masse. Nicht jeder ist der Typ für diese Art des Bewusstseinstrainings. Es gibt nicht die universelle Methode. Jeder, der behauptet, er könne jedem was beibringen, ist nicht seriös. Wichtig ist auch, dass in den Verträgen die Möglichkeit eingeräumt wird, den Kurs abzubrechen, wenn man merkt, dass einen die Methode nicht anspricht. Wenn eine normale Sprachschule sich so viel Mühe gibt wie die Superlearning-Leute, dann haben die den gleichen Erfolg. Die Motivation spielt die größte Rolle. Motiviert lernen Sie dreimal so schnell. Ich kenne einen Gymnasiallehrer, der setzt eine Fülle von Medien ein, arbeitet mit Puppen, bringt den Schülern auf diese Weise Mathematik bei. Die sind total mitgerissen."

Freitag. Langsam ist die Luft raus. Ich weiß immer noch nicht, ob ich im Alpha-Zustand bin. Samstag. Endspurt. Der Nebel scheint sich langsam zu lichten, die Wörter, die im Kopf schwirren, beginnen, einen Sinn zu ergeben.

Die letzte Lektion lesen wir mit einem Löffel im Mund. Nachmittags gibt es die Teilnahmeurkunden. Die sind bunt, haben einen Druckfehler und sind nicht unterschrieben.

Drei Wochen später. Anruf bei Gina. Was hat sie für sich mitgenommen? "Um Grundkenntnisse zu erwerben, war es ganz nett. Auf jeden Fall war es effektiver als ein halbes Jahr in die Volkshochschule zu laufen. Eine Bekannte hat einen Intensivkurs an einer Sprachenschule gemacht, mit ähnlichem Ergebnis. Welche Rolle der Alpha-Zustand gespielt hat? Zumindest hat es nichts geschadet."

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Und Adriano? "Ich habe mir zwar einige Wörter merken können, aber mit der Satzbildung haut es überhaupt nicht hin. Das dauert einfach, erst recht in meinem Alter. Mit meinem Geschäftspartner in Italien spreche ich ab und zu mal einen Satz auf Italienisch, dann geht es auf Deutsch weiter. Ganz umsonst war es aber nicht. Es hilft auf jeden Fall."

Und ich? Die CD, die wir zum Abschied zur Nachbereitung bekamen, habe ich mir mangels Zeit und Gelegenheit und entgegen meines Vorsatzes nicht angehört.

Die Italienischzeitschrift, die ich mir noch in München gekauft hatte, habe ich noch nicht gelesen. Ich weiß noch nicht einmal, ob ich im Alpha-Zustand war. Aber ich habe das Gefühl, dass ich beim nächsten Italienbesuch in irgendeiner Hirnwindung ein paar Sprachgrundlagen abrufen kann.

* Weitere Informationen über Superlearning und Adressen von Kursanbietern finden Sie unter www.zeit.de/2000/38/alpha