die zeit: Welche Funktion hat ein Interview für Sie?

Philip Roth: Es bietet einem die Möglichkeit, die Missverständnisse des vorangegangenen Interviews zu korrigieren. Als Schriftsteller beginnt man im Paradies, dann gibt man sein erstes Interview - das entspricht dem Sündenfall, und weil dieses erste Interview etwa sieben Irrtümer über einen in die Welt setzt, ist es gleichbedeutend mit der Vertreibung aus dem Paradies. Man kann dann nur versuchen, durch die Korrektur einiger dieser Irrtümer eine dem Ausgangszustand möglichst ähnliche Situation zu schaffen.

Das ist heute durch die Online-Datenbanken allerdings sehr viel schwerer geworden. Früher konnte man sich darauf verlassen, dass die alten Irrtümer irgendwann von selbst verschwinden würden. Heute finden sie Eingang in die Archive des Internet - eine Art unzerstörbare Bibliothek von Alexandria. Das hat zur Folge, dass jeder Interviewer sämtliche alten Interviews nachliest und die Missverständnisse somit unausrottbar werden.

zeit: Was ist das schlimmste Missverständnis?

Roth: Das Missverständnis, mit dem alle amerikanischen Schriftsteller heute zu kämpfen haben: die Vorstellung, dass Literatur ausschließlich aus biografischen Quellen schöpft. Unter Journalisten hat sich diese fixe Idee zu einer Obsession ausgewachsen. Keiner interessiert sich mehr für die Literatur an sich, für das Verhältnis des Schriftstellers zu seiner Gesellschaft oder für ernsthafte Kultur insgesamt. All das wird marginalisiert zugunsten eines perversen Interesses für angebliche Vorbilder aus dem wirklichen Leben. Das beste Beispiel hierfür ist der neue Roman von Saul Bellow ...

zeit: Ravelstein - angeblich stand Bellows Chicagoer Professorenkollege Allan Bloom für die Hauptfigur Pate.

Roth: Die New York Times, die von diesem Fimmel noch besessener ist als die anderen, hat nicht weniger als drei Artikel über dasselbe Thema veröffentlicht: Wer sind Bellows reale Vorbilder, und warum führt Bellow einen Rachefeldzug gegen sie? Jeden Roman als Schlüsselroman zu lesen ist nur der erste Schritt in diesem kulturellen Vandalismus. Der zweite ist noch infamer: Welche bösen Absichten verfolgt der Autor? Wenn sich das Interesse an kulturellen Hervorbringungen darauf reduziert, den bösen Absichten der Macher auf die Schliche zu kommen, dann ist das ein Offenbarungseid des Kulturjournalismus.