Eigentlich ist das Gespräch beendet. Die Atmosphäre ist freundlich-entspannt. Ein paar Worte noch, da sagt Hans-Joachim Flebbe, scheinbar harmlos: "Ich gehe so gern mit Kindern ins Kino, da spürt man, was es noch für eine Bedeutung haben kann." Eine emotionale Bedeutung also, die es weitgehend nicht mehr hat.

Dieser Satz ist, gewiss ohne so wirken zu sollen, eine melancholische Zeitreise durch Flebbes Karriere. Eine Reise zurück. Immer wieder hat er Sätze gesagt wie: "als es noch um Filmkunst ging", oder: "auch mit Filmkunst konnte man Geld verdienen", oder: "als das Geschäft noch nicht im Vordergrund stand".

Diese Attitüde ist es, die beinahe jedes Gespräch über Hans-Joachim Flebbe beeinflusst, beeinträchtigt. Zumal wenn kleine Kinobesitzer, also solche, die sich noch der Kunst verschrieben haben, über ihren übergroßen Konkurrenten reden. Dann schimpfen sie ihn einen "Sonnyboy", einen "angeblichen Cineasten", der aber in Wahrheit als "brutaler Kapitalist" daherkommt und sie mit "rüden Methoden" schindet.

Da aber die solchermaßen Urteilenden ihre Namen nicht dazu stellen wollen und weil die Vorwürfe selten trittfest untermauert werden, beschleicht den Beobachter eine eher harmlose Vermutung. Hier sind Leute sauer, weil einer aus ihrer WG ausgezogen ist.

Tatsache ist: Hans-Joachim Flebbe ist mit seiner Cinemaxx AG allein schon Marktführer unter den Kinobesitzern gewesen

seit er, vor ein paar Wochen, die Verfügungsgewalt über den alten Widersacher Ufa dazubekam, ist er es umso mehr. Tatsache ist auch, dass, während Flebbe sich hoch arbeite, traditionelle Kinos, auch eigene, dran glauben mussten. Wenig reißfest aber ist der unterstellte Kausalzusammenhang - die Kinos wären gestorben, weil Flebbe so gut lebt.

Auch der kann, wie seine Konkurrenten, erst einmal nur reagieren. Regieren tun andere. Die Zuschauer mit ihren Sehgewohnheiten. Anders ausgedrückt: Das Regime führt der Markt, der Kinomarkt. Eine blutige Herrschaft ist das.

Ein paar Zahlen nur, fürs Erste: In den sechziger Jahren, als das Fernsehen noch jung war, kamen jährlich 800 Millionen Zuschauer in die Lichtspielhäuser, schönes altes Wort. Dreißig Jahre später waren's gerade noch 100 Millionen. Wer da noch lebte, als Flebbe auf der Szene erschien, hatte schon ziemlich viel Glück gehabt.

So wie er selbst, in seinen ersten Jahren. Wenn er davon erzählt, in seinem derzeit etwas schmucklosen Büro, ist zu spüren: Er tut das nicht zum ersten Mal, und doch fasziniert sie ihn immer noch, die eigene Geschichte. Wie um das zu kaschieren, hält er seine Sprache auf einem Ton, kann aber nicht verhindern, dass sie eindringlich wird. Als müsse er sich seiner selbst vergewissern, nicht nur des Zuhörers.

Das Schönste an einer solchen Geschichte ist, vom erfolgreichen Ende her betrachtet, der Anfang. Da ist der noch heute jugendlich Wirkende und als harmoniebedürftig Beschriebene tatsächlich noch ein Jugendlicher, und niemand ist ihm gram. Nach Studierversuchen in Psychologie, Germanistik und Betriebswirtschaft ist er unschlüssig, auch "ziemlich apolitisch"

da widerfährt ihm, 1974 in Göttingen, die "Kinoliebe". Fast jeden Tag geht er ins örtliche Programmkino Apollo, fasst sich endlich ein Herz und fragt den Besitzer: "Darf ich Vorschläge machen" fürs Programm? - "Er hat mich rangelassen." Das Ergebnis lässt sich sehen, buchstäblich. Das Apollo ist "jeden Tag voll", denn er bringt das Programm körperlich unter die Leute, auf Handzetteln mit Inhaltsangaben und Rezensionen. Die Kunden wollen aber nicht nur sehen, sondern auch diskutieren. Faßbinder - Kluge - Schlöndorff - Wenders treten auf. Hans-Joachim Flebbe freut sich.

Drei Jahre später, am Apollo ist er längst beteiligt, werden ihm in seiner Heimatstadt Hannover die drei "Kinos am Maschplatz" offeriert. Die erforderlichen 250 000 Mark "hatte ich nicht". Die Banken spielen schließlich mit - und auch das Publikum. "Das Reizvollste: Ich habe jeden Tag im Kino gestanden. Das war die Phase, in der mir das Kinomachen am meisten Spaß gemacht hat. Da stand das Geschäft noch nicht im Vordergund."

Gab es damals, gibt es Lieblingsfilme? Flebbe muss, wie auch sonst, nicht lange überlegen. Ernst Lubitschs Sein oder Nichtsein hält die Spitze, es folgen Federico Fellinis Amarcord und, "wenn ich gute Stimmung haben will", Dennis Hoppers Easy Rider. Leider, leider haben sich aber auch da die Bräuche geändert. Wenn er heute ins Kino geht - und das tut er als heavy user so viermal im Monat -, heißen die Streifen Mission Impossible II oder Sturm.

Dienst ist Dienst - es sei denn, seine Frau hat die Wahl. Aber immer im Kino, nie vor dem Fernseher.

"Es waren ja mit Filmkunst noch Geschäfte zu machen"

Zurück in die gute alte Zeit. In der ruft ihn eines Tages Rudolf Augstein an, der Spiegel-Chef, welcher beteiligt war am Filmverlag der Autoren und sich Sorgen machte um sein Lieblingshaus in Hamburg, die Passage. "Wir müssen da was tun", sagt Augstein, und Flebbe übernimmt seine "erste Filiale", wie er sagt. Es folgt, im gleichen Muster, das Holi, auch in Hamburg. Und es folgen andere, in immer anderen Städten.

Nur, die Besucherzahlen brechen weg. Das Fernsehen übernimmt. Und die Kinobetreiber suchen nach Strategien. Marktführer Heinz Riech mit seiner Ufa sagt sich: mehr Leinwände, mehr Besucher und beglückt die Republik mit seinen Schachtelkinos. Und Flebbe? "Ich habe damals genau das Gegenteil gemacht und alles, was ich an Geld hatte, in die Renovierung meiner Kinos gesteckt. Die Leute kamen zurück. Es waren ja mit Filmkunst noch Geschäfte zu machen."

An Flebbes Elan erinnert sich zum Beispiel Dieter Kosslick noch heute gern.

Kosslick, früher einmal im Hamburger Filmbüro tätig, zurzeit Chef der reichsten deutschen Filmförderanstalt in Düsseldorf und demnächst (im Jahr 2002) Chef der Berlinale, weiß von "einem tollen Gespräch", das er mit Flebbe darüber geführt hat, "wie man alte Kinos mit großem Aufwand und neuester Technik restauriert".

Wirklich geholfen hat das nicht. Auch nicht, dass der einst reinrassige Programmkinomacher nun mehr und mehr auf den Mainstream einschwenkt. Mitte der achtziger Jahre hat er 60 Kinos, 20 Millionen Mark Umsatz, steht in der Branche auf Platz fünf oder sechs und ist "im Grunde pleite".

Ganz neue Ideen müssen her, am besten solche aus den USA, von wo schließlich auch die meisten Filme kommen. Dort hat längst die Geschichte der Multiplexe begonnen, riesiger Paläste mit vielen Sälen, großem Komfort, aufwändiger Technik und übergroßen Leinwänden.

Flebbe entschließt sich, es den Amerikanern gleichzutun, mit einem Unterschied: Seine Paläste sollen nicht auf die grüne Wiese, sondern mitten hinein in die Städte. Gemeinsam mit dem Hannoveraner Architekten Helmut Sprenger beginnt er zu planen und zu rechnen und findet Geldgeber: Rolf Deyhle, den Herrn der Musicals (Stella), und den früheren Kirch-Mann Bodo Scriba. 1991 steht das erste Multiplex-Kino, natürlich in Hannover, genannt Cinemaxx. Anfang August dieses Jahres hat das vorerst letzte in Deutschland eröffnet, in Braunschweig. Die einstweilige Bilanz: In zehn Jahren sind 32 Cinemaxxe in 29 Städte eingepflanzt worden mit 286 Leinwänden und 77 000 Sitzplätzen.

Verändert haben sich unterdessen die Gesellschafterstruktur und die Rechtsform von Flebbes Unternehmen. Seit 1998 firmiert es als Cinemaxx AG.

Ein Drittel der Aktien hält der Gründer noch selbst, jeweils ein Viertel die belgische Kinepolis-Gruppe und der Berliner Filmproduzent und -verleiher Senator. Der Rest flottiert frei, zu Kursen weit unter dem Ausgabepreis.

Das wurmt. Ein wenig ratlos sagt Flebbe: "Bis jetzt habe ich immer von einem sehr positiven Image gelebt." Er fühlt seine Arbeit "unterbewertet, weil wir wissen, was wir vorhaben" - die Expansion, vor allem im Ausland, finanziert er "weitgehend aus eigener Tasche".

Vielleicht hilft ja auch die um die Ufa erweiterte Marktmacht. Die Cinemaxx hat zwar erst einmal nur zehn Prozent gekauft, hat aber schon das ganze Sagen. Jahrzehntelang waren die Herrschaftsverhältnisse genau umgekehrt. So empfindet Hans-Joachim Flebbe diese Transaktion als ein "persönlich ziemlich seltsames Erlebnis". Wie emotional die Konkurrenzbeziehung einmal war, dafür steht eine Anekdote, 15 oder 20 Jahre alt. Der damalige Ufa-Herrscher Heinz Riech soll, als er seinen Berliner Filmpalast am Kudamm dem Wettbewerber verkaufen musste, den Laden zuvor noch eigenhändig kurz und klein geschlagen haben.

Sei's drum. Flebbe gewinnt nach dem kurzen Exkurs ins unbekannt-trübe Aktiengelände rasch seinen notorischen jugendlichen Charme zurück. Für einen von Dieter Kosslick zum "internationalen Kinokönig" Gesalbten ist er erstaunlich unprätentiös, wenn auch punktuell durchaus eitel.

Beides lässt sich beobachten bei der Eröffnung des Braunschweiger Cinemaxx.

Im Taxi erzählt er, hier seien die Geschäfte immer besonders leicht gelaufen, weil seine Partner erst einmal dachten, er sein ein Sprössling des lokalen Kaufhauses gleichen Namens. "Wo ist eigentlich noch das Kaufhaus Flebbe?", fragt er den Fahrer. - "Irgendwo dahinten", antwortet der. - "Ein Flebbe ist niemals irgendwo dahinten", sagt Flebbe.

Im Cinemaxx angekommen, überprüft er stundenlang alles selbst: die Projektion, den Bildstand, störende Lichteinflüsse, Notausgänge, Vorhänge, Handläufe, das Schließen der Türen. Er sitzt mitten im Saal, ganz Kapitän, aber ein freundlicher. Er spricht halblaut Kommandos, die per Funk von Ersten Offizier (hier dem Innenarchitekten) weitergegeben werden in den Maschinenraum (die Vorführkabine). Fast alles passt, flutscht, gefällt, nicht alles ist dem Laien verständlich. "Die Decken könnten tuffiger sein", sinniert er. Oder er strahlt: "1 zu 1,85 ist perfekt." Die Säle werden schließlich benotet. "Fast alles Eins. Das gab's noch nie" in den zehn Jahren.

Irgendwann sagt Hans-Joachim Flebbe: "Ohne die Multiplexe wären wir in Schönheit gestorben." Denn sie haben den Markt bewegt. Es kommen nicht mehr nur 100, sondern 150 Millionen jährlich ins deutsche Kino. Und die Paläste haben daran wachsenden Anteil, knapp 40 Prozent mittlerweile. Nur, klein ist der Markt immer noch - die Deutschen gehen nur 1,7-mal im Jahr ins Kino, die Engländer schaffen eine Frequenz von 2,4, die Amerikaner gar eine solche von 5,6. So ist hierzulande ein Overscreening entstanden, eine Überversorgung mit Leinwänden, dazu die Neigung, immer mehr Kopien eines erfolgversprechenden Streifens zu verteilen.

"Das Kino wird eine große Zukunft haben"

Der Hamburger Programmkinobesitzer Jens Meyer kommentiert das trocken: "Jetzt fangen auch die Großen schon an zu jammern. Dabei ist das (die mangelnde Auslastung) die Folge ihrer eigenen Firmenpolitik."

Die Stimmung in der Branche ist nicht gut. Aber es wird gern darüber geredet, Gerüchte werden gestreut, summende Andeutungen, die von Schließungen handeln, von Fusionen, politischen Bevorzugungen, rüden Methoden. Kaum einer verlässt die Deckung, will sich zitieren lassen. Wer weiß, vielleicht muss man ja selbst einmal ins fremde Boot. Alles ist möglich. Siehe Flebbe/Ufa.

Vor allem der Vorwurf, sich rüder Methoden zu bedienen, bringt Flebbe auf.

"Es tut mir immer noch sehr weh, wenn wir traditionelle Kinos schließen müssen." Aber was tun, "wenn die Leute nicht mehr hingehen? Sie erwarten eben Mainstream". Beinahe trotzig, sich an alte Zeiten erinnernd, fügt er an: "Früher haben ja wir kreativ gegen die Ufa gekämpft. Ich glaube an das Nebeneinander."

Das glaubt auch Dieter Kosslick. Schon ganz Berliner Staatsmann, lässt er wissen: "Das Kino wird eine große Zukunft haben." Dabei werde das Multiplex nicht allein überleben. "Andere Formen, wie das Miniplex werden als Revitalisierer längst toter Innenstädte Furore machen."

Derweil freut sich Flebbe auf seine Familie. Er genießt es, in seinem Alter kleine Kinder zu haben, glaubt, mehr Platz in seinem Leben für sie zu haben als früher. Das hört sich an, als könne er auch ein Leben außerhalb seines Reichs führen. Jedenfalls aber daneben.