Krakau

So oft hat er sich in seinen Büchern ausgemalt, wie er sich selbst als jungem Mann begegnet oder in vielfachen, sich spiegelnden Ebenbildern. Dass der Mensch zum Schöpfer werde, das Leben enträtsele und sich unsterblich mache, das aber hat der alte Herr, der da vis-à-vis sitzt, allenfalls ironisch erwogen und ganz sicher nicht erträumt.

Er hat nur den Golem geschaffen, jenen Computer, dessen zweite Silbe seinen Namen enthält, Lem. Das Weltbild, das auf Vernunft gründet, stellt dieser Computer in seinen Vorlesungen aus dem Jahr 2047 infrage und kommt dann selbst zum Eingeständnis der "unaufhebbaren Rätselhaftigkeit dieser Welt".

Ein Aladin mit der Wunderlampe: Seinen 80. Geburtstag begehe er nun, sagt Stanislaw Lem, aber so ganz genau stimmt es nicht. Lem ist im September 1921 im heutigen ukrainischen Lviv (früher Lemberg, dann Lwow) geboren. Die Familie feiert in dieses 80. Lebensjahr jetzt schon einmal hinein. Seit zwölf Jahren lebt er irgendwo auf einem der grünen Hügel am Rand von Krakau, wo der Sternenhimmel vermutlich klarer zu sehen ist als in der Mitte der Stadt. Das Genomprojekt und sein moderater Befürworter Jens Reich, die Träume Ray Kurzweils, die Albträume von Bill Joy und Jeremy Rifkin, die unkontrollierbaren Miniwaffen, die Gentechnologie mit ihren Verheißungen, alles schwirrt ja im Kopf herum. Wie denkt er darüber, dass angeblich bald die "Grammatik des Lebens" entziffert ist?

Auf der Titelseite des Spiegels, erinnert er sich, seien doch einmal Bataillone von Einsteins abgedruckt worden, die im Gleichschritt marschieren.

Metastasen der Dummheit sind es in den Augen Lems, welche "die ganze Welt verpesten". Überraschend allerdings kommt der Boom der Biomedizin, die dominierende Rolle der Kommunikationstechnologien, die er "Intelektronik" genannt hat, für ihn wahrlich nicht.

Nur: Als dann später die Science-Fiction-Literatur Jedermannsprosa wurde, zog Lem sich aus dem Schreiben über die Möglichkeitswelt zurück. Er hatte es anders gemeint. Aber verbittert? Nein, eher ironisch, auch bissig, einerseits weltoffen, andererseits kulturpessimistisch. Lem spricht leise, ohne Pause, wir hören zu. Gestern, heute, morgen, alles fließt zusammen. Der mächtige Kopf des schmächtigen Mannes saugt ständig neugierig auf. Die Anfänge der biotechnischen Ära und die "sensationssüchtigen Journalisten, die uns Wunder was von Klonen und künstlichem Leben erzählen, während die Menschen nicht einmal in der Lage sind, Hieroglyphen zu entziffern", ihm macht das naturgemäß keine Angst. Vorbehalte jedoch pflegt er nach allen Seiten, nicht zuletzt gegenüber dem Papst, der sagt, "die Menschen dürfen die Lokomotive bauen, aber sie soll sich nur auf viereckigen Rädern bewegen". Niemandem ist man verpflichtet, nur dem Gewissen!