Kann man über Nietzsche in einem Atemzug mit Hitler sprechen? Viele derjenigen, die sich zu seinem 100. Todestag zu Wort gemeldet haben, meinen: nein. Es ist aber schlecht von der Nazizeit abzusehen, und wenn ich den Anti-Egalitarismus von Nietzsche mit demjenigen von Hitler vergleiche, so nicht nur, weil es, bei allen offensichtlichen Differenzen, wirkliche Vergleichspunkte gibt, sondern weil ich glaube, dass Nietzsche vieles nicht gesagt hätte, wenn er gewusst hätte, was man inzwischen weiß. Das macht den Vergleich auch als einen, den man Nietzsche selbst hätte vorhalten können, sinnvoll. Wer heute Nietzsche liest, muss entweder gegenüber bestimmten Aussagen die Augen schließen oder ausrufen: "Oh wenn du gewusst hättest!"

Der Egalitarismus bestimmt seit der Französischen Revolution das Verständnis von Moral und Legitimität. Auch wenn er nicht von allen bejaht wird, beherrscht er doch die Bühne der Auseinandersetzung. Weil das so ist, sind jene modernen Denker, die es anders sehen, nicht einfach Inegalitaristen, sondern Antiegalitaristen. Sie verstehen ihre Position reaktiv als Kampf gegen den Egalitarismus. Mit Egalitarismus ist dabei nicht materielle Gleichverteilung gemeint, sondern dass - und so sehen es auch Nietzsche und Hitler - alle Menschen gleiche Grundrechte haben.

Es ist nicht bekannt, ob Hitler Nietzsche überhaupt gelesen hat, aber ihre antiegalitaristischen Positionen sind sich genügend ähnlich. Der erste Eindruck ist: Sowohl Nietzsche wie auch Hitler verwerfen die Idee der Gleichheit, beide mit besonderer Schärfe. Und beiden erscheint diese Idee als etwas geradezu Irrsinniges, besonders Unbegreifliches: in Nietzsches Zarathustra wird die Lehre von der Gleichheit den Taranteln in den Mund gelegt, bei Hitler ist es eine Idee der Juden.

An die Stelle der Gleichheit soll aber nicht etwa ein anderer Gerechtigkeitsmaßstab treten, sondern Macht. Nietzsches Terminus ist "Wille zur Macht", und Hitler erklärt: "Stets hat der Stärkere das Recht, seinen Willen durchzusetzen", das sei das Gesetz der Natur. Die Macht allein - als Gewalt verstanden - entscheidet und rechtfertigt zugleich. Gleichheit wird also im Namen der Macht verworfen. Und sowohl bei Nietzsche wie auch bei Hitler lautet die Begründung: Es sei eine Tatsache, dass alles menschliche Handeln, ebenso alles Leben überhaupt ausschließlich durch Machtstreben bestimmt wird. Und das impliziert, auch darin sind sich Nietzsche und Hitler einig: Auch das Egalitäre ist hintergründig durch das Machtmotiv bestimmt.

Und doch gibt es wesentliche Unterschiede zwischen beiden Positionen. Hitlers theoretische Position ist ganz einfach, während Nietzsche ein ungewöhnlich komplizierter und facettenreicher Philosoph war. Hitler hatte einen kruden und einfachen Machtbegriff (im Sinn von Gewalt), während Nietzsche in seinem Begriff vom Willen zur Macht gleich die Antworten auf mehrere Fragen gebündelt hat. Der Begriff ist bei ihm nicht eindeutig. Auch war Nietzsche zentral am Begriff der Moral interessiert, während Hitler sich als Handelnder, nicht als Denkender verstand. Ihm ging es ausschließlich um seine Macht und damit in eins um die Macht des Volkes, während Nietzsche ein Gegner des Nationalismus war. Er fühlte sich als Angehöriger einer Begabtenelite, womit sich die Vorstellung von einer unüberbrückbaren, blutsmäßig bestimmten Ungleichheit zwischen den "höheren" und den "gewöhnlichen" Menschen verband.

Und so war die Ungleichheit, um die es Nietzsche ging, eine quasi vertikale Inegalität, eine Ungleichheit zwischen denen, die oben, und denen, die unten sind. Hitler hingegen ging es primär um einen Machtkampf zwischen den Völkern, also um eine horizontale Ungleichheit.

Ich werde, entgegen der chronologischen Reihenfolge, die Position Hitlers voranstellen. Bei Nietzsche sollte man es sich nicht zu leicht machen. Es gibt bei ihm mehrere argumentative Stränge. Von diesen drängte sich Nietzsche schließlich einer als der maßgebende auf. Dieser ist es, mit dem Nietzsche in unmittelbare Nähe zu Hitler gerät.

Hitler stellt in Mein Kampf seine "Weltanschauung" vor, was sowohl praktisch wie auch theoretisch zu verstehen ist. Hitler war ein leidenschaftlich - "fanatisch" - Wollender, sein ganzer Wille war auf den einen Punkt konzentriert, sein Volk - das "Deutschtum" - aus der "Schmach" des Versailler Vertrags heraus- und zur Weltherrschaft zu führen. Dieses praktische Konzept fügt sich in sein theoretisches Verständnis der Wirklichkeit, das er dem Sozialdarwinismus entnimmt. Demnach besteht alles Leben (und bei Menschen insbesondere das der Völker) im "Kampf ums Dasein". Recht ist gleich Macht, weshalb es natürlich und richtig sei, wenn die Stärkeren siegen und die Schwächeren untergehen.

Es ist ein Irrtum zu glauben, Hitler habe in Bezug auf die Juden nur gängige antisemitische Vorurteile ins Extrem gesteigert. Bereits in einer Stellungnahme von 1919, die in der Forderung gipfelt, das letzte Ziel "muss unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt" sein, unterscheidet Hitler seinen eigenen Antisemitismus vom gewöhnlichen, "gefühlsmäßigen" Antisemitismus als "Antisemitismus der Vernunft". In Mein Kampf führt er in elf Stufen vor, wie er die historische Entwicklung der europäischen Juden sieht. Auf der letzten Stufe subsumiert er unter den Stichwörtern "Gleichheit" und "Internationalismus" Liberalismus, Demokratie und Sozialismus. Alles, was Nietzsche die "modernen Ideen" nennt, sind bei Hitler jüdische Ideen. Er betrachtet die egalitären Gedanken als die Machination eines Gegners, der sie, selbst nicht volkshaft verwurzelt, dazu verwendet, das Nationale und Gewachsene und somit das "Sittliche" zu zerstören. Für Hitler sind die egalitären Ideen in den Juden personifiziert.

Wie sieht Hitler die Moral? Er lässt sie im Binnenbereich der Volksgemeinschaft begrenzt gelten. Entscheidend ist für ihn, dass die Begriffe der "Humanität", das heißt die Berücksichtigung des Wohles der Einzelnen, "beim Kampfe eines Volkes um sein Dasein ... nur untergeordnete Bedeutung" haben dürfen. Sie "scheiden als bestimmend für die Formen des Kampfes vollständig aus". Der letzte Satz ist natürlich wörtlich gemeint: Wenn es um die Machtsteigerung des Gemeinwesens (der Rasse) geht, sind alle Mittel nicht nur erlaubt, sondern geboten.

So ergibt sich bei Hitler ein konsistentes normatives Ganzes, das so ausschließlich an der Werthaftigkeit des Volks als Rasse gebunden ist, dass er die Moral im landläufigen Sinn nicht zu bekämpfen, sondern nur unterzuordnen brauchte. Das einzige Normative, was er bekämpft, ist der Egalitarismus, denn dieser steht für die Auffassung, dass nur die Individuen und nicht die Völker Träger von Wert sind. So steht der Egalitarismus Hitlers Wertekonzept diametral entgegen. Das Programm, die Juden - die angeblichen Träger der egalitären Ideen - auszurotten, ist eine Konsequenz daraus, dass er sie als Rasse sah.

Was war nun bei Nietzsche der Ausgangspunkt? Karl Ulmer hat in seinem Buch Nietzsche: Einheit und Sinn seines Werkes gezeigt, dass man Nietzsches ganzes Denken aus der Frage verstehen kann, wie "großes Menschentum und höhere Kultur" möglich seien. Hinter dieser Frage stand für Nietzsche die Überzeugung, es gebe einerseits große, höhere und andererseits "gewöhnliche", "niedrige" Menschen. Diese Unterscheidung entspricht dem Elitebewusstsein Nietzsches - seinem bis in die Adoleszenz zurückreichenden Axiom, die Menschen zerfielen in zwei blutsmäßig geschiedene Klassen. Nietzsche hat, soweit ich sehe, nirgends erwogen, dass solche Unterschiede, sofern sich mit ihnen überhaupt ein klarer Sinn verbinden lässt, milieubedingt sein können.

In einer der Frühschriften - Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben - sieht er es so: Die einen wollen nur "leben um jeden Preis", sie leben aus "dumpfer Gewöhnung"

der "große Mensch" hingegen "achtet" nicht "das Dasein", es geht ihm um etwas, was über ihn hinausreicht, um "ein Werk ...

eine Schöpfung", um "Ruhm". Hier bedeutet das Niedrige noch das Konventionelle, das Höhere aber das Eigenständige und Über-sich-Hinausgehen auf ein Werk.

In der "Vorrede" zu einem (nicht geschriebenen) Buch über den griechischen Staat aus der gleichen Zeit geht Nietzsche einen Schritt weiter. Entgegen der "angeblichen Gleichberechtigung Aller" und den "sogenannten Grundrechten der Menschen" müsse man sehen, "dass zum Wesen einer Kultur das Sklaventum" gehöre. Damit es zu einer "höheren Kultur" kommen könne, müsse die "bevorzugte Klasse" durch die "Mehrarbeit" der gewöhnlichen Menschen erhalten werden. Es gibt also für Nietzsche die angeborene Differenz nicht nur als Faktum

sie ist für ihn auch notwendig und muss daher erzwungen werden, wenn es Kultur geben soll. Der Mensch "an sich" hat "weder Würde noch Rechte". An der Notwendigkeit von Sklaverei als "Bedingung jeder höheren Kultur" hat Nietzsche zeitlebens festgehalten. Seine Überzeugung von der Ungleichheit der Menschen ist älter als seine Moralkritik und fester Bestandteil seines Denkens.

Auch moralisches Verhalten erscheint als "Wille zur Macht"

Den entscheidenden Begriff des Willens zur Macht hat Nietzsche in Also sprach Zarathustra eingeführt. Die These, alles Leben sei Wille zur Macht "und nichts außerdem", war trotz der Unbestimmtheit dieses Ausdrucks, aber auch gerade deswegen, ein genialer Gedanke. Indem alles menschliche Verhalten diese Struktur haben soll, gewinnt Nietzsche einen vereinheitlichenden Begriff für alles Wollen. Und die Differenzierung in Stark und Schwach erlaubt es ihm, zugleich die Differenz aufzunehmen, die in seinem Axiom von der Unterschiedenheit höherer und niedriger Menschen enthalten war.

Seit seiner mittleren Zeit wollte Nietzsche zeigen, dass alles vermeintlich selbstlose Verhalten - und damit das Moralische - in Wirklichkeit egoistisch sei. Das Egoistische wird nun im Willen zur Macht auf einen einheitlichen Begriff gebracht, der zugleich dem des Moralischen diametral entgegengesetzt ist.

Doch nicht nur das menschliche Verhalten, sondern das Leben überhaupt wollte Nietzsche als Wille zur Macht verstehen. Er glaubte gegen Darwin einwenden zu können, dass es auch im organischen Bereich nicht primär um Überleben geht, sondern um "Machterweiterung". Aber ist es nicht unsinnig zu sagen, alle organischen Prozesse seien Prozesse des Wachstums - oder der "Kraftsteigerung" oder der "Einverleibung von Fremdem"?

Was hat Nietzsche motiviert, eine so unplausible Erweiterung seiner Theorie vorzunehmen? Die naheliegende Antwort ist: Wenn die ganze Natur von diesem Gesetz bestimmt ist, kann der Mensch keine Ausnahme bilden. Die Absicht ist hier dieselbe, wie es die von Hitler ist, wenn er vom Recht des Stärkeren als dem Gesetz der Natur spricht. Hitler meinte sich mit seiner Machttheorie im Einklang mit Darwin zu befinden. Nietzsche hingegen sah richtig, dass Darwins Theorie nicht von den Stärkeren redet, sondern von den Überlebensfähigeren.

So gelangte Nietzsche zwar zur selben These wie Hitler, aber nur, weil er meinte Darwin widerlegen zu können. So oder so ist die These falsch.

Kann der "Wille zur Macht" wenigstens als das Charakteristikum alles menschlichen Verhaltens angesehen werden? Ist speziell alles moralische Verhalten wirklich auf den Willen zur Macht zurückzuführen? Selbst wenn man Nietzsche zugesteht, dass alle menschlichen und insbesondere die altruistischen Handlungsweisen in erster Linie - oder sogar ganz und gar - egoistisch sind, so ist doch zu bezweifeln, dass das, was man für sich erstrebt, immer nur Macht ist.

Vor allem aber: Das Wort "Macht" ist seinerseits vieldeutig. Es wird üblicherweise so verstanden, dass man von "Macht über -" sprechen muss, und dabei ist das, worüber Macht ausgeübt wird, der Wille anderer Personen.

Nietzsche verwendet das Wort aber auch in dem allgemeineren Sinn von "Kraft" und "Kraftsteigerung", entsprechend dem lateinischen potentia. Nun wäre nichts dagegen einzuwenden, das Wort "Macht" in einem umfassenderen Sinn zu verwenden, aber da Nietzsche die Verschiedenheit der Bedeutungen nicht klargestellt hat, pendelt er zwischen ihnen.

Wenn mit Macht Kraft und Stärke gemeint ist, stellt sich die Frage, woran das Mehr an Kraft zu messen ist. Darauf hat Nietzsche die verschiedensten Antworten gegeben. Die Frage, was der "Gradmesser von Kraft" ist, wird fundamental, weil von ihr die Frage der "Rangordnung" abhängt und damit Nietzsches Ausgangsfrage nach der Differenz zwischen höheren und niedrigen Menschen.

Nietzsche schwankt, wenn er von Kraft und Gesundheit spricht, zwischen einem mehr geistigen und einem mehr physischen Verständnis. Und wo er nicht nur potentia, sondern Macht im eigentlichen Sinn im Auge hat, also Macht über andere, setzt er sich über die verschiedenen Möglichkeiten von Machtausübung hinweg und denkt in erster Linie an physische Gewalt. So bestand die große Attraktion seines Macht-Begriffs darin, dass er fortfahren konnte, ihn in einem sehr weiten Sinn zu verwenden, während sich gleichzeitig der Begriff der Stärke im physischen Sinn und der Macht im Sinn von Gewalt immer mehr in den Vordergrund schob. Und genau in dem Maße, in dem das geschieht, rutscht Nietzsche in die Nachbarschaft Hitlers.

Entsprechend verengt sich insbesondere sein Verständnis von den "höheren Menschen" und ihrer Tugend, der "Vornehmheit". Bei der Frage, "was vornehm ist" (der Titel des letzten Hauptstücks in Jenseits von Gut und Böse), orientiert sich Nietzsche an "aristokratischen" und sogar "barbarischen" Gesellschaften. Die höheren Menschen sind für ihn "prachtvolle Raubtiere" und - näher an Hitler - "blonde germanische Bestien". Für eine "gute und gesunde" Aristokratie soll nicht nur charakteristisch sein, dass ihre "Moral aus einem triumphierenden Ja-Sagen zu sich selbst herauswächst" und dass zu diesem Gefühl ein "Pathos der Distanz" gegenüber den Schwachen gehört, sondern dass sie auch "mit gutem Gewissen das Opfer einer Unzahl Menschen hinnimmt, welche um ihretwillen zu unvollständigen Menschen, zu Sklaven, zu Werkzeugen herabgedrückt und vermindert werden müssen".

Jetzt sieht Nietzsche die Niedrigen also nicht mehr so sehr als die Gewöhnlichen, sondern als die Schwachen, und die Starken sind nicht nur von ihnen unterschieden, sondern zu ihnen gehört jetzt wesentlich die Macht über die Schwachen. "Hier muss man gründlich auf den Grund denken und sich aller empfindsamen Schwächlichkeit erwehren: Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzung, Überwältigung des Fremden und Schwächeren, Unterdrückung, Härte, Aufzwängung eigner Formen, Einverleibung und mindestens, mildestens, Ausbeutung."

In die Nähe Hitlers kommt Nietzsche auch, wenn er Napoleon als Inbegriff des großen Menschen darstellt. So verschieden Napoleon und Hitler auch waren, darin sind sie gewiss vergleichbar: Sie waren Machtmenschen ganz und gar, im gewöhnlichen Sinn dieses Wortes. Und es ist dieser Aspekt, der für Nietzsche maßgebend war. So vieldeutig Nietzsches Begriff des Willens zur Macht auch ist, in seiner Bewunderung für Napoleon und ähnliche Naturen wie Cesare Borgia und Caesar ist er eindeutig.

Während für Hitler Macht im Sinn von Gewalt so ausschließlich bestimmend war, dass für ihn die traditionelle Moral belanglos wurde, war es Nietzsches zentrales Anliegen, eine "Umwertung aller Werte" vorzunehmen, das heißt, im Anschluss an den schillernden Begriff des "Willens zur Macht" die traditionelle Moral zu entwerten und ein neues Verständnis von Moral zu entwerfen. Dafür reichte es keineswegs aus, altruistische Motive auf den Willen zur Macht zurückzuführen. Das wären ja nur die Inhalte der tradierten Moral gewesen, während es Nietzsche vor allem darauf ankam, die Form der bisherigen Moralen zu zerstören, weil sie normative Systeme waren, Moralen des Sollens.

Nietzsche sieht im Sozialen keinen positiven Sinn

Nietzsche unterscheidet nicht zwischen zwei Begriffen von Autonomie: Selbstständigkeit im Urteilen ("freier Geist") und Sichbestimmenlassen von den eigenen Wünschen (Egoismus). Die Umwertung der Werte, auf die Nietzsche in den späteren Schriften zusteuert, ist nicht eine neue selbstständige Moral im intersubjektiven Sinn, sondern die Verherrlichung des Individuums und seines Egoismus. Dem Einzelnen soll sein Selbstwertgefühl, sein Ja-Sagen zu seiner Natürlichkeit und zum Leben zurückgegeben werden. Er soll sich der Scham- und Unterwerfungshaltung entledigen, die ihm die Anpassung an die "Sittlichkeit der Sitte" abgefordert hat.

So befreiend dieses Anliegen wirkt, so wird es doch von Nietzsche dadurch erkauft, dass er, da er die zwei Bedeutungen von Autonomie nicht unterscheidet, nicht etwa ein neues Konzept von intersubjektiver Moral entwirft, sondern diese im Ganzen verwirft. Sie erscheint ihm ausschließlich als Anglegenheit der Schwachen, der "Herdentiere". Weiterhin unterstellt Nietzsche, dass der Einzelne, wenn er sich von seinen egoistischen Wünschen her versteht, Macht gegen andere ausüben müsse. Das ist eine Folge davon, dass er innerhalb des Begriffs des Willens zur Macht nicht zwischen potentia und "Macht über -" unterscheidet.

Die "Herrenmoral" steht nicht für ein neues Konzept von intersubjektiver Moral: Die Starken (die Individuen der "solitären (!) Raubtier-Species Mensch") "streben ebenso naturnotwendig auseinander, als die Schwachen zueinander

wenn erstere sich verbinden, so geschieht das nur (!) in der Aussicht auf eine aggressive Gesamt-Aktion und Gesamt-Befriedigung ihres Willens zur Macht".

Nietzsche hat also keine Möglichkeit, im Sozialen überhaupt einen positiven Sinn zu sehen. Die einzige in seinen Augen gültige oder jedenfalls anständige Form des sozialen Zusammenschlusses ist diejenige, die als Vehikel für den Machtwillen der Einzelnen dient. (In diesem Punkt unterscheidet sich Nietzsche von Hitler extrem.) Nietzsche sieht zwischenmenschliches Verhalten nur als Verhalten gegen andere und nicht als Verhalten mit anderen. Nur zwischendurch - im 5. Buch von Menschliches Allzumenschliches - hatte Nietzsche einen Versuch unternommen, die Autonomie, verstanden vom freien Geist her, in seiner Funktion für die Gesellschaft zu verstehen.

In den Spätschriften reduziert Nietzsche alles "mit" auf ein "gegen", sogar die traditionelle Moral selbst: Er versteht jetzt die Herdenmoral näherhin als Sklavenmoral, als Unterworfensein - nicht mehr nur unter Sitten, sondern unter Herren. Dass man die Werte der Selbstentfaltung der Individuen hochhalten und gleichzeitig ein System von intersubjektiven Normen anerkennen kann, ja dass ein wesentlicher Bestandteil der Normen darin bestehen müsse, den Individuen, freilich allen Individuen, Rechte auf Selbstentfaltung einzuräumen, war für Nietzsche teils nicht vorstellbar, teils hielt er sie dadurch für widerlegt, dass die Idee der Gleichheit eben zur Herdenmoral gehöre.

Das Einleuchtende von Nietzsches Ausgangsproblem besteht in der Frage, wie man sich von der bloßen Vorgegebenheit von Normen emanzipieren könne. Weil aber jetzt die Herdenmenschen nicht nur als Normen unterworfen, sondern auch als von Herren unterworfen gesehen werden, erschien es Nietzsche natürlich, dass, so merkwürdig man das finden mag, die Rede vom Gehorchen indifferent auf das Normen-Gehorchen und auf das Herren-Gehorchen bezogen werden könne.

Die Schwäche der Schwachen soll jetzt drin bestehen, dass sie nur gehorchen können. Es soll Menschen geben, die nur gehorchen können, und andererseits Menschen mit starkem Willen, die sich selbst befehlen können und daher die geborenen Befehlenden für die Schwachen sind.

Das fügt sich natürlich besonders schön in die Lehre vom Willen zur Macht: Die Legitimität wird nicht nur auf die Erde zurückgeholt und neu gedacht, sondern sie verschwindet, und die Normen gehen in Befehle über.

Hätte eine andere Lösung hier nicht viel näher gelegen? Das Problem der Rückführung der religiösen oder Sitten-Transzendenz der Normen in Autonomie ist doch nicht eines, das sich dem Subjekt Mensch, sondern den Menschen - uns - stellt. Sobald man das Problem so sieht, im Plural der ersten Person, lässt sich sagen: Wir werden in unserem Verhältnis zu den intersubjektiven Normen dann autonom, wenn wir, anstatt einer transzendenten Autorität zu gehorchen, uns wechselseitig befehlen und gehorchen. Jeder würde dann dem anderen so viel Autonomie zugestehen wie sich selbst. Auf diese Weise wäre der Widerspruch, der für Nietzsche zwischen "Sitte" (Norm) und "Autonomie" besteht, behoben. Gewiss, für Nietzsche wäre eine solche Lösung wegen der für sie konstitutiven Gleichheit nicht infrage gekommen, und ich will sie ihm auch nicht aufreden.

Hätte Nietzsche diese Möglichkeit wenigstens berücksichtigt, um sie dann zu verwerfen, hätte er es sich mit der Gleichheit und den auf ihr fußenden "modernen Ideen" nicht so leicht machen können. Doch er meinte, Gleichheit sei charakteristisch für das Herdenbewusstsein

die Berufung auf gleiche Rechte müsse verworfen werden, weil Gleichheit so viel wie Gleichmäßigkeit und Gewöhnlichkeit bedeute und insofern die geborene Feindin von allem Herausragenden und aller Kultur sei. Den wirklichen Stellenwert der Gleichheit in ihrer Funktion für die wechselseitige Begründung von Normen hat Nietzsche so wenig gesehen wie viele andere.

Es stimmt schon, Nietzsche hat uns hellsichtiger für die so weit reichende Bedeutung des "Gegen"-Faktors in intersubjektiven Beziehungen gemacht, aber es liegt etwas Fanatisches in der ausschließlichen Hervorhebung dieses Faktors. Es ist viel naheliegender zu sagen, dass normale Individuen der Spezies Mensch genetisch ebenso mit dem Motiv, sich gegen andere durchzusetzen, ausgestattet sind wie mit dem, mit anderen sein zu wollen. Es ist eine weitere Merkwürdigkeit in Nietzsches Denken, dass er sich den Willen immer nur als eine expandierende Bewegung vorstellt, scheinbar ad indefinitum, und denjenigen Aspekt des Wollens, der seit Aristoteles das Hauptthema der Philosophen in ihren Erörterungen des Wollens gewesen ist, das reflektierende Sichverhalten zu seinem Wollen, wozu dann auch die Selbstbeschränkung gehört, nie berücksichtigt.

Blickt man zurück, so sieht man Nietzsche wie auf einer abschüssigen Bahn, auf der er sich, als einmal der Begriff des Willens zur Macht feststand, in zunehmend megalomanischer Sprache bewegt. Inwieweit ist es sinnvoll, den Fluchtpunkt, auf den diese Linie hinläuft, mit Hitler zu vergleichen?

Persönlich repräsentiert Hitler wie keine andere Figur der jüngsten Geschichte den reinen Machttypus. Man mag ihn widerlich finden und sagen, so habe sich Nietzsche den nicht vorgestellt, von dem er in der Genealogie der Moral schreibt: "Aber irgendwann, in einer stärkeren Zeit, als diese morsche, selbstzweiflerische Gegenwart ist, muss er uns doch kommen, der erlösende Mensch." Die Beschreibung, die Nietzsche von diesem Übermenschen an dieser Stelle gibt, passt nicht auf Hitler, wenn Nietzsche ihn als "Mensch der großen Liebe und Verachtung" und als "schöpferischen Geist" beschreibt.

Andere Beschreibungen, die Nietzsche für den Übermenschen gibt (große Willensstärke, Rücksichtslosigkeit), passen hingegen auf Hitler sehr gut.

Doch sehen wir von Hitler als Person ab. Wie verhält sich Nietzsches Konzept zu Hitlers Auffassungen? An dieser Stelle erscheint es sinnvoll, sowohl bei Nietzsche wie auch bei Hitler von ihren Machttheorien ihre Wahnideen zu unterscheiden. Hitler wie Nietzsche hatten jeder eine Idee mit einem zentralen Stellenwert in ihrem System, die man im präzisen Wortsinn als verrückt bezeichnen kann: bei Hitler die Vorstellung von "dem" Juden als Gegenspieler und Teufel und bei Nietzsche die gewiss nicht weniger verrückte Vorstellung, die Menschen zerfielen von Geburt in zwei Klassen, in die der höheren und die der niederen.

Die beiden Vorstellungen sind inhaltlich sehr verschieden, aber sie haben durchaus vergleichbare Charakteristika. Erstens handelt es sich beide Mal um Prämissen, die aus den Machttheorien nicht ableitbar sind

zweitens sind beides Theorien von "blutsmäßigen" und zugleich (!) werthaften Differenzen: Beides sind Unterscheidungen von genetisch bestimmten Übermenschen gegenüber genetisch bestimmten Untermenschen. Und drittens ergab sich sowohl bei Nietzsche wie auch bei Hitler aus der Verbindung ihrer jeweiligen "verrückten" Idee mit der Machttheorie ein exterministisches Programm.

(Nietzsche spricht von der "Vernichtung von Millionen Missratener", die die Übermenschen auf sich nehmen müssen.)

Was ist, wenn rechte Schläger gegen "Missratene" vorgehen?

Sowohl bei Nietzsche wie auch bei Hitler ergibt sich der Inegalitarismus also nicht nur aus einer Leugnung der Relevanz von Moral gegenüber Macht. Beide überspitzen dies durch die Behauptung, es gebe eine besonders relevante Ungleichheit, die zwischen Über- und Untermenschen.

Die Art, wie sich Nietzsche und Hitler in ihrer Sicht von einer solchen Grunddifferenz unterscheiden, hängt natürlich damit zusammen, dass für Hitler die Subjekte des Machtkampfes die Völker sind und für Nietzsche die Individuen. Sekundär können es dann freilich auch für Nietzsche die Kollektive sein, und wenn er so spricht, nähert er sich am stärksten Hitler an. In den Spätschriften spricht er öfters von ungeheuren bevorstehenden Kriegen und in der Genealogie der Moral von dem großen Kampf "Rom gegen Judäa, Judäa gegen Rom". Die Römer stehen hier für "die Starken und Vornehmen". "Rom", schreibt Nietzsche, "empfand im Juden etwas wie die Widernatur selbst, gleichsam sein antipodisches Monstrum." Man muss in diesem Satz nur statt Rom "die Arier" setzen, was nahe liegt, weil Nietzsche vorher in diesem Stück die Vornehmen als die blonden germanischen Bestien charakterisiert hat, und man steht wieder bei Hitler.

Das wäre allerdings unangemessen, weil Nietzsche die Rede von den Juden, jedenfalls an dieser Stelle, nicht rassisch, sondern ideologisch versteht und mit der Rede von Judäa vielmehr ans Christentum denkt. Nietzsche hat aber überhaupt nicht primär Kollektive im Auge. Die für ihn wichtige blutsmäßige Unterscheidung verläuft nicht horizontal zwischen Völkern oder Rassen, obschon er mitunter von Ariern ähnlich sprechen kann wie Hitler, sondern vertikal zwischen den höheren und niedrigen Menschen.

Nietzsches Inegalitarismus war im Gegensatz zu demjenigen Hitlers vertikal und nostalgisch

da Nietzsche nie operationalisierbare Kriterien angab, worin Schwäche und Missratensein bestehen sollen, war sein Programm in Wirklichkeit gar nicht realisierbar. Hitler hingegen verfügte über virtuose Gaben, sein Machtkonzept samt seiner Wahnidee immerhin für einige Jahre von schauerlicher Destruktion zu realisieren. Der horizontale Inegalitarismus, und nur er, ist unter modernen Bedingungen eine reale Möglichkeit, weil er innerhalb der Volksgemeinschaft weitgehend egalitär sein kann und weil er sich die in jedem Volk vorhandene Tendenz zur Aggressivität nach außen zunutze machen kann. Was Nietzsche als "Nationalitäts-Wahnsinn" verachtete, ist in Wirklichkeit für den Inegalitarismus in einer egalitären Welt die einzige Chance.

Vielleicht ist der Hitlerismus in dem engeren, mit Hitlers Wahnidee gekoppelten Sinn heute eine Sache der Vergangenheit. Aber der horizontale Antiegalitarismus an sich, den Hitler vertreten hat, lebt heute mit der ihm eigenen Destruktionstendenz weiter. Auch in Deutschland verbreiten wieder antiegalitäre Schläger Angst und Schrecken. Man stelle sich vor, sie würden, statt gegen Ausländer, gegen "die Schwachen und Missratenen" vorgehen! Soll man Nietzsche einen besonderen Bonus konzedieren, weil diese Aggression im Unterschied zu der gegen Fremde sehr schnell durch den gesunden Volkszorn verhindert würde? Sogar Hitler sah sich gezwungen, sein innerdeutsches "Euthanasieprogramm" abzubrechen.

Ernst Tugendhat ist Professor emeritus für Philosophie an der Freien Universität Berlin. Er lebt in Tübingen