Wistar-Chef Clayton Buck gab sich siegessicher: "Diese Ergebnisse werden alle Bedenken über eine mögliche Verbindung zwischen unserem Schluckimpfstoff und Aids beseitigen."

Doch der ebenfalls anwesende Edward Hooper zeigt sich wenig beeindruckt. "Wir sollten nicht glauben, dass unsere Wissenschaftler alle Antworten haben", beginnt er sein kurzes Pressestatement. Kurzer Tumult, Hooper redet weiter: "Die Ergebnisse, die hier vorgestellt worden sind, kratzen kein bisschen an meiner Theorie." Schließlich sei der experimentelle Impfstoff damals in mindestens drei Ländern hergestellt worden. Da bringe es wenig, allein die Wistar-Proben als Gegenbeweis anzuführen. Zweifelnde Erkundigungen aus der Zuhörerschaft bringen Hoover in Rage: "Ihre Frage ist, mit Verlaub, außergewöhnlich schwachsinnig."

Die Impfstoff-Veteranen Koprowski und Plotkin weisen verbissen alle Anschuldigungen zurück. "Erfindungen", schnaubt Koprowski, der die Welt nicht mehr versteht. "Jetzt stehe ich als Mörder da, als Bringer von Aids", sagte er sichtlich erschüttert. "Warum sprechen wir nicht davon, wie viele Leben die Polio-Impfungen gerettet haben? Jetzt warnen afrikanische Priester die Leute davor, sich impfen zu lassen, das ist die wahre Bedrohung, die von dieser Debatte ausgeht."

In Hoopers Darstellung wird das Duo Koprowski und Plotkin zu einer halbkriminellen Vereinigung. Die zwei hätten noch Entlastungsschreiben aus Kollegen herausgepresst, die schon auf dem Sterbebett lagen, erzählt Hooper.

So geht der Streit weiter. Die Tests brachten keine Bestätigung für Hoopers These, aber auch widerlegt haben sie die Vorwürfe nicht. Schließlich wurde der Impfstoff damals in großen Mengen hergestellt. Zwar waren die sechs letzten Proben virusfrei, andere müssen es nicht gewesen sein. Am Ende dürfte sich Hoopers Idee in die Riege der Ursprungshypothesen einreihen, die seit dem weltweiten Ausbruch der Seuche Anfang der achtziger Jahre kursieren. Denn noch immer ist die Frage nicht schlüssig beantwortet: Wie kam das tödliche HI-Virus in den Menschen?

Fromme Geister sahen in der Seuche eine göttliche Strafe für sexuelle Zügellosigkeit. Viel Aufmerksamkeit erhielt eine Theorie, wonach HIV aus einem amerikanischen Biowaffen-Labor entsprungen war. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass der sowjetische Geheimdienst KGB einst dieses Gerücht in die Welt setzte. Die Fachleute hingegen sind sich darüber einig, dass HIV von Affen auf den Menschen übergesprungen sein muss. Denn genetisch ist es ein Geschwister des Schimpansenvirus SIV.

An der Frage, wie das Virus die Artengrenze überschritt, scheiden sich die Geister. Wenig wahrscheinlich ist die Theorie, ein bizarrer Sexualritus habe den tödlichen Kontakt gebracht - Männer und Frauen einiger Stämme an den zentralafrikanischen Seen beschmieren sich mit Affenblut, um ihre Erregung zu steigern. Glaubhafter erscheint den Fachleuten eine Übertragung bei der Affenjagd und dem Verzehr von ungenügend gekochtem Schimpansenfleisch. Doch warum entwickelte sich Aids dann erst im 20. Jahrhundert zur Seuche? Affen werden in Afrika seit mindestens 50 000 Jahren erlegt.