Die Erklärung suchen Epidemiologen in den Umbrüchen nach dem Zweiten Weltkrieg, als die ehemaligen Kolonien unabhängig wurden. Bürgerkriege beförderten die Prostitution, Industriestädte wucherten, Straßen wurden gebaut. Hatte HIV bis dahin nur in entlegenen Dörfern gewütet, verbreitete es sich nun ungehindert. "Aids", schreibt der Berliner Tropenmediziner Hermann Feldmeier, "wäre demnach der Preis, den Afrika für politische Unabhängigkeit, wirtschaftliche Entwicklung und sexuelle Freizügigkeit zahlt."

Feldmeier selbst bezweifelt diese These. Infektionen hätten sich in Afrika schon immer ausbreiten können. Das Leukämievirus HTLV-1, wahrscheinlich ebenfalls vom Affen auf den Menschen gelangt, habe sich schon früh durch Kriege und Prostitution über den ganzen Kontinent verbreitet und mit den Sklaven sogar Amerika erreicht: "Wieso also nicht auch HIV?"

In Afrika wurden eine Million unwissende Menschen geimpft

Solche Widersprüche waren es, die Hooper dazu brachten, dem Ursprung der Epidemie neun Jahre lang auf eigene Faust nachzugehen. Das Ergebnis, ein Buch von immerhin 1070 Seiten, wurde zwar von zahlreichen Forschern angegriffen, doch alle mussten eingestehen, das Werk des ehemaligen BBC-Afrikakorrespondenten sei peinlich genau recherchiert.

Drei amerikanische Forschergruppen wetteiferten in den fünfziger Jahren um den ersten Impfstoff gegen Polio. Lange Zeit schien Hillary Koprowski das Rennen zu machen. Der Forscher vom Wistar Institute in Philadelphia konnte vorweisen, was den Konkurrenten noch fehlte: große Studien mit seinem Vakzin.

Eine Million meist unwissende Menschen wurden in den Jahren 1957 bis 1960 in den damals belgischen Kolonien Kongo, Ruanda und Burundi zu den Experimenten herangezogen. Aus Glaspipetten bekamen sie einen Cocktail von abgeschwächten Polio-Viren in den Mund gespritzt. Die Viren hatten Koprowskis Mitarbeiter im Reagenzglas auf Affennierenzellen gezüchtet. Zumindest einige dieser Zellkulturen, vermutet Hooper, stammten aus Schimpansen, die mit der Affen-Immunschwäche SIV angesteckt waren. So sei der Erreger durch kleine Verletzungen in der Mundhöhle ins Blut seiner ersten menschlichen Opfer gelangt. Aus der Dokumentation der ersten Aids-Fälle meint der ehemalige BBC-Korrespondent belegen zu können, dass sich die Ansteckungen genau dort häuften, wo zuvor Koprowskis Impfbrigaden gearbeitet hatten. Von 28 Aids-Kranken, die bis 1980 aus Afrika gemeldet wurden, stammten 23 aus solchen Städten und Dörfern.

Koprowski bestreitet die Vorwürfe: Zwar seien 1958 und 1959 Schimpansennieren aus dem Kongo nach Philadelphia geschickt worden, er selbst habe jedoch nie mit diesen Organen experimentiert, sondern seinen Impfstoff aus dem Gewebe indischer und südamerikanischer Affen gewonnen. Laborbücher, die diese Frage klären könnten, existieren nicht mehr.