Eine unmögliche Stadt. Nicht eben anheimelnd, aber immer entgegenkommend.

Selten aufregend, aber voller Überraschungen. Paris, St. Petersburg, Amsterdam haben Stil. Brüssel bleibt Stückwerk. Hauptstadt Belgiens, so steht es in den Büchern. Aber gibt es Belgien eigentlich, diese Erfindung der Großmächte von 1830, ungeliebt von Flamen wie Wallonen? Brüssel, Hauptstadt Flanderns! Aber doch eher historisch, denn Flämisch hört man in diesen Mauern selten. Vier von fünf Brüsselern sprechen Französisch, daneben prägen Portugiesisch oder Türkisch, Arabisch und Euroenglisch diese polyglotte Stadt. Verzweifelt suchen die feinen Boutiquen im Quartier Louise vendeuses bilingues, tweetalige verkoopster, zweisprachige Verkäuferinnen. Das Gesetz verlangt, die Gewohnheit erschwert es.

Und Brüssel, die Hauptstadt Europas? Nun ja. Mit aalglattem Beton und gläsernem Blendwerk schuf sich die Europäische Union rund um den Rond Point Schuman ein Nirgendwo. Kritiker haben hier leicht spotten. Wo bitte geht es da nach Brüssel? Wie bitte, das soll das Gesicht Europas sein? Igittigitt.

Berühmte Brüsseler sind das Manneken Pis, der Zwerg an der Ecke Rue du Chêne und Rue de l'Étuve, wasser- und kostümsüchtig. Und natürlich Tintin, unter Deutschen Tim genannt, der helle Reporter, der mit seinem Hund Milou von Abenteuer zu Abenteuer stolpert. Und was macht Tintin am liebsten?, fragt Benoît Peeters: Dieser Reporter ohne Grenzen nimmt den nächsten Zug und reist schleunigst ab. Ist Ihnen das nie aufgefallen? François Schuiten fällt Freund Peeters ins Wort: Genau darin aber ist Tintin doch sehr belgisch. Wir leben hier mitten in Europa auf einer großen Kreuzung.

Darf ich vorstellen: François Schuiten, begeisterter Bewohner von Brüssel, Gemeinde Schaerbeek (Mit neun Ar Garten hinterm Stadthaus, so was ist hier keine Seltenheit). Comic-Künstler mit Sinn für gewaltig bestürzende Großbauten, die ihren Vorbildern in dieser Stadt teuflisch gleichen. In den vergangenen drei Jahren allerdings war Schuiten vollauf damit beschäftigt, für die Expo 2000 den Planet of Visions zu entwerfen. Und neben Schuiten sitzt Benoît Peeters, der Texter, Geschichtenerfinder und Komplize, Sohn französischer Eurokraten, hier groß geworden, ausgewandert und rasch wieder zurückgekehrt in sein Brüssel. Den beiden geht es wie vielen der 900 000 Einwohner dieser Stadt: Sie kennen ihre Schwächen und schätzen den angenehmen Umgang mit ihr. Diese Stadt verkündet keine Botschaft, erklärt Peeters.

Sie steht für keine Message wie Berlin oder Paris. Für Europa ist das einfach ideal. Brüssel ist ein bisschen wie alle und ein bisschen wie keiner.

Das macht es so sympathisch.