Man braucht sich nicht als steinerner Gast an dem Stammtisch mißvergnügter Spießbürger niederzulassen, um die hämische Frage zu vernehmen, ob wir nicht, da der Kanzler ja doch mache, was er wolle, in Wirklichkeit unter einem autoritären Regime leben

um zu hören, daß unsere Parlamentarier zu Marionetten degradiert seien, die - auf Vordermann ausgerichtet - auf Order parieren und zu allem "ja und amen" sagen, was die Parteileitung befiehlt. Bis dann unvermeidlicherweise das Stichwort "pressure group" fällt und die Unterhaltung in der allgemein gebilligten Feststellung ausmündet, daß in Wirklichkeit alles heimlich und hinter den Kulissen entschieden werde und das Volk eh nichts zu sagen habe. "Und so frage ich Sie allen Ernstes, Herr Nachbar, ob das Theater, das in unserem Bundesdorf aufgeführt wird, noch irgend etwas mit Demokratie zu tun hat?" (...)

Die Lebensfähigkeit eines parlamentarischen Regierungssystems hängt nicht zuletzt davon ab, daß ein Volk sich durch seine Parteien ausreichend vertreten fühlt, daß es das von diesen Parteien getragene Parlament trotz dessen repräsentativem Charakter als Exponenten seines politischen Willens anerkennt und das Fehlen einer Direktgesetzgebung nicht als Mangel empfindet.

Das Kennzeichen einer parlamentarischen Demokratie liegt eben darin, daß ihre Parteien als Parlamentsfraktionen Träger eines repräsentativen und als Massenorganisationen Träger eines plebiszitären Regierungssystems sind.

Überwuchert in einer Partei die plebiszitäre Komponente, verdammt die Parteimitgliedschaft jeden taktischen Kompromiß, den die Parlamentsfraktion für unentbehrlich hält, als weltanschauliche Ketzerei, dann kann parlamentarisch nicht regiert werden. Wenn umgekehrt die repräsentative Komponente die plebiszitäre auszuschalten droht, wenn sich die Leitung einer Parlamentsfraktion ständig mit den Instinkten, Gefühlen und dem Denken der Parteifunktionäre und -mitglieder in Widerspruch setzt, dann steht die Partei vor der Gefahr der Verbonzung (...). Kann aber mittels der Massenparteien der empirische Volkswille nicht mehr in das parlamentarische Regierungssystem eingegliedert werden, dann wird er sich plebiszitärer Methoden bedienen, um auf direkte Weise die Spannungen zwischen Staats- und Volkswillen zu beseitigen, deren Koordinierung indirekt herbeizuführen Aufgabe der Parteien in ihrer Eigenschaft als politische Katalysatoren ist. In USA hat sich die Reformbewegung des Plebiszits als eines demokratischen Mittels bedient, um die Entfremdung zwischen Volk und Staat zu beseitigen

in Deutschland hat sich eine revolutionäre Bewegung des Plebiszits als eines diktatorischen Mittels bedient, um eine Einheit zwischen Volks- und Staatswillen vorzutäuschen. In beiden Fällen war dem Einsatz plebiszitärer Methoden eine Vertrauenskrise innerhalb der Parteibewegungen vorausgegangen. (...)

Eine der bedenklichsten Erscheinungen der neu-deutschen Demokratie ist darin zu erblicken, daß in den Parlamentsdebatten die zwischen Regierung und Opposition bestehenden Kontroversen nicht ausreichend klar hervortreten (...).