Berlin

Edzard Reuter weiß von nichts. Michael Steiner, der außenpolitische Berater des Bundeskanzlers, hatte die Causa "nie auf dem Tisch". Und Joschka Fischer, der Außenminister, ist taub auf diesem Ohr. Wie manchmal, wenn heikle Entscheidungen anstehen, hüllen sich die Beteiligten in Schweigen. Braucht die Bundesregierung, lautet die Frage, einen Türkei-Beauftragten oder nicht?

Manches spricht dafür. Kaum ein bilaterales Verhältnis ist so komplex, so fußangelgesäumt wie das zur Türkei. Seit sie offiziell auf dem Weg ist, das nach Deutschland bevölkerungsreichste EU-Mitglied zu werden, intensivieren sich die Beziehungen. Gleichzeitig bringt die Türkei als strategisch bedeutsamer Nato-Partner mit einem ungeklärten Verhältnis zu demokratischen Grundwerten die deutsche Regierung regelmäßig in Gewissensnöte. Zwei Millionen türkischstämmige Einwanderer machen die deutsche Türkeipolitik zudem zu einer steten innenpolitischen Herausforderung.

Die dieser Tage auf Eis gelegte Panzer-Lieferung belegt, dass es im Umgang zuweilen an Raffinesse mangelt. Wenn Berlin auf das Milliardengeschäft verzichtet, dann liegt das nur zum Teil an den Unstimmigkeiten in der rot-grünen Regierung. Geschickte Diplomaten hätten in Ankara durchaus Einfluss auf das in solchen Fragen bedeutsame Timing nehmen können.

Wie hilfreich Hinterzimmergespräche unterhalb der Regierungsebene sein können, entdeckte die Regierung Schröder im vergangenen Jahr, als sie einen Unterhändler mit der Mission nach Ankara schickte, die Stimmung auszuloten.

Das Verhältnis zur Türkei war getrübt, nachdem sich, unter anderen, Exkanzler Kohl gegen einen EU-Kandidatenstatus ausgesprochen hatte. Die Sondierung führte zu einem Briefwechsel zwischen Ministerpräsident Ecevit und Bundeskanzler Schröder, der das Verhältnis wieder reparierte und den Türken den Weg zur EU-Kandidatur ebnete. Nach diesem Erfolg wurde in der Regierung überlegt, den Unterhändler zu einem dauerhaften "Beauftragten" zu küren. Aber spezielle Umstände vereitelten die Idee. Zum einem forcierte der Erwählte das Projekt auf allzu eigenständige Weise, indem er etwa mit selbst gedruckten Visitenkarten erschien, die ihn als Kanzlerberater auswiesen. Zum anderen zog die CDU-Parteispenden-Affäre herauf - und damit war Walter Leisler Kiep, der Schröder-Freund aus Niedersachsen, nicht mehr zu halten.

Den Nachfolger für das angedachte Amt brachte der grüne Abgeordnete Cem Özdemir ins Gespräch: Edzard Reuter, ehemals Vorstandsvorsitzender von Daimler-Benz. Der 72-Jährige, der noch immer zum Helikopter-Skiing nach Kanada fliegt, hätte die Statur für das schwierige deutsch-türkische Geschäft. Er bringt die Härte eines erfahrenen Unternehmers mit, ist von umgänglicher Natur und mit der Türkei aufs beste vertraut: Elf Jahre lang, von 1935 bis 1946, lebte er in Ankara, wo sein Vater, der spätere Berliner Bürgermeister, auf das Ende der Nazizeit wartete. Bis heute pflegt Reuter Kontakte in die frühere Exilheimat.