Du musst jetzt ganz stark sein, Eva – Seite 1

Eva Giganti ist erst sechs, als ihre Eltern entscheiden, sie in ein Heim zu bringen. Als Erstes wird sie in der Krankenstation verarztet. Auf dem Weg ins Heim von der Treppe gefallen, sagen die Eltern. Die Heimleitung fragt nicht nach. Nicht, weshalb sich das kleine Mädchen beim Sturz ein blaues Auge zugezogen hat. Auch nicht, weshalb die blauen Flecken an Beinen und Armen schon mehrere Tage und Wochen alt sind. Auch als das Mädchen nachts von Albträumen wach geschüttelt wird, bleibt die Heimleitung still. Erst recht schweigt sie, als die Schwestern beginnen, genervt vom ständigen Schluchzen, Eva zu ohrfeigen.

Ich wurde geschlagen, seit ich denken kann, sagt sie fast zwanzig Jahre später. Ich bin als Waisenkind aufgewachsen. Zwar leben Evas Eltern noch, aber sie hat seit Jahren keinen Kontakt mehr. Fast apathisch schlürft sie an ihrem Erdbeerfrappé. Das Gespräch findet in einer Gelateria statt. Sie spielt dabei mit einem hellblauen Teddybäretui herum, in dem ihr Handy steckt. Über die Zeit im Heim, acht Jahre, will sie nicht reden.

Die Gewichte haben sie noch nie verraten

Heute stemmt Eva Giganti pro Tag das Gewicht eines Sattelschleppers, bis zu acht Tonnen. Genug, um in den letzten drei Jahren italienische Meisterin zu werden und in diesem Frühling bei der Europameisterschaft dreimal Silber zu holen. Ein Erfolg, der selbst Fachleute überrascht. Eva Giganti, 1,51 Meter, 47 Kilo, entspricht nicht der Athletin, die man sich bei der Sportart vorstellt. Kein Stiernacken, keine riesigen Oberschenkel. Nur der kräftige Händedruck weist hin auf ihren Beruf.

Seit Eva Giganti Sizilien verlassen hat, um im Norden zu trainieren, hat sie den Landesrekord um fast 30 Kilo auf über 170 Kilo verbessert. Viele Beobachter rechnen damit, dass die 24-jährige Sportlerin nach ihrem Durchbruch bei der EM nun auch in Sydney, wo Gewichtheben für Frauen erstmals eine olympische Disziplin ist, eine Medaille holen wird. Keine wie Eva besitzt die Fähigkeit, Aggressivität und Wut in wettkampfmäßige Energie umzuwandeln, sagt ihr Trainer. Sie braucht keinen Motivationspsychologen.

Sie selber sagt: Das Eisen ist ehrlich. Und beiläufig: Die Gewichte haben mich noch nie verraten.

Sie ist 14, als sie das Heim verlässt und sich in eine externe Schule einschreibt. Nebenbei jobbt sie als Kellnerin in einem Pub und fühlt sich als Minderjährige erwachsen hinter dem Tresen, respektiert von ihren Kollegen. In der Schule findet sie so etwas wie Freundinnen, sie wird gar Klassensprecherin. Eines Abends begleitet Eva eine dieser Freundinnen in die Sporthalle Giosué Poli von Caltanissetta, in der Schulkollegen von ihr trainieren. Meine Freundin hat sich in einen dieser Jungs verknallt. Sie selber verknallt sich in die Hanteln.

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Ich wollte mir beweisen, dass es keine Grenzen gibt, sagt sie während eines zweiten Erdbeerfrappés und bestellt eine neue Packung Diana Lights. Immer wieder redet sie von trasgressione, vom Willen, starre Denkmuster und Regeln zu überwinden. Gerade im sizilianischen Hinterland sei das für sie überlebenswichtig gewesen. Erstmals in ihrem Leben kann sie sich beim Training an den Gewichten an etwas festhalten, im doppelten Sinn.

Als Eva Giganti mit ihrer Freundin an jenem Abend zur Sporthalle Giosué Poli geht, weiß sie noch nicht, dass es eine Eisenstange sein würde, an die sie sich fortan klammern wird. Aber sie weiß zu diesem Zeitpunkt bereits, dass es mit Sicherheit keine arrangierte Ehe ist, die ihr im Leben Halt geben soll.

Der Verlobte, den der Vater ausgesucht hat, ist doppelt so alt wie sie und hässlich wie die Nacht. Eva schickt ihn nach ein paar Treffen zum Teufel, als er von Haus und Herd zu sprechen beginnt.

Baci, Amore e Libertà, Küsse, Liebe und Freiheit tätowiert sie sich zu dieser Zeit mit Tinte und Nadel aufs linke Handgelenk. Träume, die sie nicht begraben will, nur weil sie wieder in Reichweite des Vaters ist. Als sie nach einem Streit abermals ein blaues Auge davonträgt, zieht sie mit 15 zu Schulkameraden in eine Wohngemeinschaft. Die Wohngemeinschaft war die bisher schönste Zeit in meinem Leben, sagt die junge Frau rückblickend. Drogen nimmt sie nicht, obwohl in ihrem Umfeld reichlich konsumiert wird - Kokain, Heroin, LSD. Auch als sie ein paar Jahre später Salvatore kennen lernt, der auf Koks ist und in den sie sich verliebt, lässt sie sich nicht in die Abhängigkeit ziehen, und immer wenn ein Absturz droht, geht sie Gewichte stemmen. Oft geht sie auch als Reaktion auf die abschätzigen Bemerkungen der Leute trainieren. Maschiaccio, ruft man ihr nach, Mannsweib. (Obwohl sie auch sehr Frau sein kann, wie sie in ironischem Ton sagt. Während ihrer Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Sydney verbringt sie ihre freie Zeit mit Häkeln.)

Eva schafft es, Salvatore langsam von seiner Sucht zu befreien. Er reduziert seinen Drogenkonsum sukzessive, bis er völlig damit aufhört. Obwohl er selbst gegen jegliche Regeln und Einschränkungen ist, will er, dass Eva mit dem Gewichtheben aufhört. Ist nicht feminin, habe er ihr gesagt. Plötzlich verlangt auch Salvatore von ihr, zu Hause zu sitzen, zu kochen, zu stricken, aufzuräumen. Das war eine große Enttäuschung. Erstmals gibt sie nach, geht nur noch heimlich trainieren und hört bald ganz damit auf, obwohl ihr damaliger Trainer Ettore Pilato, Präsident des Club Atletico Ercole mehrmals versucht, sie zum Weitermachen zu überreden. Er sagte, ich hätte ein großes Potenzial.

Salvatore ist 23, sie 19 und im siebten Monat schwanger, als das Ereignis passiert, il fatto, wie sie sagt. Zivil sind sie bereits getraut, die Einladungen für die kirchliche Trauung sind verschickt, als Salvatore in einem Pub der Stadt zwei seiner Cousins trifft, mit denen er früher für einen lokalen Mafiaboss Drogen gedealt hat. Ein Streit bricht aus wegen einer alten Geschichte, Heroin, das nie bezahlt wurde. Erst als die Carabinieri gerufen werden, beruhigen sich die erhitzten Gemüter wieder. Vordergründig.

Vielleicht ist es ein Wort, das zu viel gefallen ist. Vielleicht ist es die Ehre, die in Anwesenheit anderer Leute beschmutzt wurde: Salvatore wird am selben Abend aus einem Hinterhalt erschossen. Fünf Monate später bringt die gerade 20-jährige Witwe Eva Giganti ein Mädchen zur Welt, das die hellen Augen von ihrem Vater hat.

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Die Mutter eines Freundes aus der Wohngemeinschaft nimmt die beiden nach dem fatto zu sich auf, sie wird Evas Ersatzmutter. Sie ist es dann auch, die Eva psychisch wieder aufpäppelt. Für den körperlichen Aufbau ist Ettore Pilato vom Club Atletico Ercole zuständig, der es schafft, Eva doch wieder fürs Gewichtheben zu überreden. Nach 15 Tagen Training gewinnt sie ihren ersten Wettkampf. Das ist 1996. Zwei Jahre später ist sie in der italienischen Nationalmannschaft und die Nummer eins im Land.

Am 17. September wird Eva Giganti um eine Medaille bei Olympia kämpfen, dreimal Reißen, dreimal Stoßen. Entweder, du schaffst es, das Gewicht, das du dir aufgeladen hast, zu stemmen, sagt sie, oder du schaffst es nicht.