Ich wollte mir beweisen, dass es keine Grenzen gibt, sagt sie während eines zweiten Erdbeerfrappés und bestellt eine neue Packung Diana Lights. Immer wieder redet sie von trasgressione, vom Willen, starre Denkmuster und Regeln zu überwinden. Gerade im sizilianischen Hinterland sei das für sie überlebenswichtig gewesen. Erstmals in ihrem Leben kann sie sich beim Training an den Gewichten an etwas festhalten, im doppelten Sinn.

Als Eva Giganti mit ihrer Freundin an jenem Abend zur Sporthalle Giosué Poli geht, weiß sie noch nicht, dass es eine Eisenstange sein würde, an die sie sich fortan klammern wird. Aber sie weiß zu diesem Zeitpunkt bereits, dass es mit Sicherheit keine arrangierte Ehe ist, die ihr im Leben Halt geben soll.

Der Verlobte, den der Vater ausgesucht hat, ist doppelt so alt wie sie und hässlich wie die Nacht. Eva schickt ihn nach ein paar Treffen zum Teufel, als er von Haus und Herd zu sprechen beginnt.

Baci, Amore e Libertà, Küsse, Liebe und Freiheit tätowiert sie sich zu dieser Zeit mit Tinte und Nadel aufs linke Handgelenk. Träume, die sie nicht begraben will, nur weil sie wieder in Reichweite des Vaters ist. Als sie nach einem Streit abermals ein blaues Auge davonträgt, zieht sie mit 15 zu Schulkameraden in eine Wohngemeinschaft. Die Wohngemeinschaft war die bisher schönste Zeit in meinem Leben, sagt die junge Frau rückblickend. Drogen nimmt sie nicht, obwohl in ihrem Umfeld reichlich konsumiert wird - Kokain, Heroin, LSD. Auch als sie ein paar Jahre später Salvatore kennen lernt, der auf Koks ist und in den sie sich verliebt, lässt sie sich nicht in die Abhängigkeit ziehen, und immer wenn ein Absturz droht, geht sie Gewichte stemmen. Oft geht sie auch als Reaktion auf die abschätzigen Bemerkungen der Leute trainieren. Maschiaccio, ruft man ihr nach, Mannsweib. (Obwohl sie auch sehr Frau sein kann, wie sie in ironischem Ton sagt. Während ihrer Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Sydney verbringt sie ihre freie Zeit mit Häkeln.)

Eva schafft es, Salvatore langsam von seiner Sucht zu befreien. Er reduziert seinen Drogenkonsum sukzessive, bis er völlig damit aufhört. Obwohl er selbst gegen jegliche Regeln und Einschränkungen ist, will er, dass Eva mit dem Gewichtheben aufhört. Ist nicht feminin, habe er ihr gesagt. Plötzlich verlangt auch Salvatore von ihr, zu Hause zu sitzen, zu kochen, zu stricken, aufzuräumen. Das war eine große Enttäuschung. Erstmals gibt sie nach, geht nur noch heimlich trainieren und hört bald ganz damit auf, obwohl ihr damaliger Trainer Ettore Pilato, Präsident des Club Atletico Ercole mehrmals versucht, sie zum Weitermachen zu überreden. Er sagte, ich hätte ein großes Potenzial.

Salvatore ist 23, sie 19 und im siebten Monat schwanger, als das Ereignis passiert, il fatto, wie sie sagt. Zivil sind sie bereits getraut, die Einladungen für die kirchliche Trauung sind verschickt, als Salvatore in einem Pub der Stadt zwei seiner Cousins trifft, mit denen er früher für einen lokalen Mafiaboss Drogen gedealt hat. Ein Streit bricht aus wegen einer alten Geschichte, Heroin, das nie bezahlt wurde. Erst als die Carabinieri gerufen werden, beruhigen sich die erhitzten Gemüter wieder. Vordergründig.

Vielleicht ist es ein Wort, das zu viel gefallen ist. Vielleicht ist es die Ehre, die in Anwesenheit anderer Leute beschmutzt wurde: Salvatore wird am selben Abend aus einem Hinterhalt erschossen. Fünf Monate später bringt die gerade 20-jährige Witwe Eva Giganti ein Mädchen zur Welt, das die hellen Augen von ihrem Vater hat.