Südkoreaner und Nordkoreaner marschieren bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Sydney unter einer gemeinsamen Flagge ins Stadion ein - einer Flagge der koreanischen Halbinsel. Danach werden die beiden Mannschaften wieder getrennt kämpfen. Doch immerhin: Einen Tag lang sind die seit 1945 getrennten Koreaner vereint.

Der Politik der kleinen Schritte fügt sich damit ein weiterer Schritt an. Mit einem Besuch des südkoreanischen Präsidenten in Pjöngjang fing es im Frühjahr an. Es folgten Delegationstreffen, Ministervisiten, ein begrenzter Austausch von Familienbesuchen. Inzwischen ist verabredet worden, eine Nord-Süd-Eisenbahn zu eröffnen ("eiserne Seidenstraße") und auch eine Straßenverbindung wieder herzustellen. Dazu muss eine Schneise durch den verminten Grenzstreifen geschlagen werden - Symbol dafür, dass noch viele Hindernisse aus dem Weg zu räumen sind.

Der Sport war oft schon ein Barometer der politischen Wetterlage. Und wie die Trennung der gesamtdeutschen Olympiamannschaft - letzter gemeinsamer Auftritt: Tokyo 1964 - damals die Zementierung der deutschen Spaltung anzeigte, so lässt die koreanische Eintagseinheit die Hoffnung zu, dass die "Sonnenscheinpolitik" des südkoreanischen Präsidenten Kim Dae Jung allmählich jenes Eis zum Schmelzen bringt, das in den letzten fünfzig Jahren wie eine Gletscherdecke über dem Land der Morgenstille lag. Th.S.