Hamburg

Kindergärten dienen der Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern. Gut betreut sind Kinder schon dann, wenn sie während der Zeit, in der sie im Kindergarten sind, keinen Schaden nehmen. Auch lassen sich für Kindergärten Bildungsziele beschreiben. Schwieriger ist es da schon mit der Erziehung. Wer erziehen will und soll, muss wissen, was die zu Erziehenden am Ende des Erziehungsprozesses mehr können und wissen sollen als zu Beginn. Wer sich gar durch Vertrag oder Gesetz zur Erziehung verpflichtet sieht, muss Kriterien für den Zeitpunkt haben, an dem er seinen Auftrag erfüllt hat.

Doch Erziehungsziele festzustellen, gar allgemeinverbindlich zu definieren will in einem pluralen Gemeinwesen so recht nicht gelingen. Ich erlebte neulich in einer Enquêtekommission zum Thema Jugendkriminalität in Hamburg, dass mein Gesprächsangebot, ein eigentlich allgemein akzeptables Erziehungsziel müsste doch eine Orientierung an den Ideen der Gerechtigkeit und der Solidarität sein, als nur mühevoll säkularisierte Variante alter christlicher Ideale entlarvt wurde. Derjenige, der mit meinem Vorschlag nicht einverstanden war, bot stattdessen den Erwerb von Kritik- und Dialogfähigkeit als das einzig zu einer pluralen Gesellschaft passende Erziehungsziel an. Ich widersprach heftig.

Bei näherem Nachdenken stellte ich aber fest, dass jener Kritiker so Unrecht nicht hatte. Recht spontan hatte ich das Erziehungsziel angeboten, das mir selbst wichtig ist. Ich glaube, dass dies so sein muss. Erziehung wird nur dann gelingen, wenn jene, die erzogen werden sollen, spüren, dass die Erziehenden die Dinge, die sie für wichtig erklären, selbst auch wirklich für wichtig halten. Die Kunst bleibt dabei - und da folge ich meinem Kontrahenten - zu vermitteln, dass eben ich es bin, der dies für richtig hält, was nicht ausschließt, dass es anderen anders geht. Deshalb lässt sich ein allgemeinverbindliches Erziehungsziel für eine plurale Gesellschaft als Ganzes kaum finden: Was ich für gerecht halte, ist anderen gleich, wo mir Solidarität geboten scheint, dürfen andere eine Chance zum Gewinn sehen, und ich darf die Ideale meines Gegenübers mit allem Recht für hohl und unbeachtlich halten.

Eine Staatsjugend darf es nicht geben

Weil dies aber so ist, kann Erziehung eben nur nachrangig eine staatliche Aufgabe sein. Diejenigen müssen erziehen, die kompetent und authentisch die Ideale des eigenen Lebens als Ziel ihrer Erziehung plausibel machen können: die Eltern, die Familien und nicht zuletzt die Gruppen in der Gesellschaft.

Natürlich muss auch der Staat helfen, aber ihm darf nicht die volle Verantwortung für die Erziehung übergeben werden. Bei allen Bemühungen kann er das, was Erziehung bedeutet, so richtig eben nicht machen. Er darf dem Leben seiner Bürger nicht verbindlich und scheinobjektiv die Ziele setzen, an denen sie ihr Leben auszurichten haben, und er darf sich keine Staatsjugend schaffen wollen, wie die deutsche Geschichte zeigt. Er kann und soll helfen, zur Erziehung zu befähigen, er kann und soll für junge Menschen Räume zur Selbstorganisation bereitstellen. Das Ansinnen der eigentlich zur Erziehung Berufenen, für sie die Erziehung zu übernehmen, muss er allerdings dankend ablehnen.