Die Schriften Carl Schmitts sind während eines Zeitraums von mehr als einem halben Jahrhundert entstanden, und sie erstrecken sich als politische Stellungnahmen vom späten Kaiserreich bis zur frühen Bundesrepublik. Da kann es kaum verwundern, wenn unterschiedliche politische Positionen sich auf Schmitts Überlegungen berufen und seine Argumente für sich geltend gemacht haben. Doch bei aller Zeitgebundenheit von Schmitts Überlegungen - gibt es in ihnen nicht doch eine Grundlinie, die sich von Anfang bis Ende durchzieht und deren mehr oder weniger systematische Entfaltung seine Schriften darstellen?

Die in den letzten Jahren zu neuer Intensität gelangte Auseinandersetzung mit Schmitts Werk ist vor allem eine Suche nach Antworten auf diese Frage.

In ihrer äußersten Zuspitzung besagt die Opportunismusthese, die zunächst auf Schmitts Unterstützung des Nationalsozialismus in den Jahren von 1933 bis 1936 bezogen ist, dass es diese Grundidee nicht gebe, sondern Schmitt seine Überlegungen okkasionell in Reaktion auf die jeweiligen Herausforderungen entwickelt habe. Die Suche nach dem "inneren Geheimnis" der Schmittschen These sei darum vergebens, und wer sich an ihr beteilige, falle bloß den Selbstmystifikationen zum Opfer, die Schmitt nach 1945 um sich aufgebaut habe - vom christlichen Epimetheus, dem zum Eingreifen immer zu spät kommenden Nach-Denker, über die Melvillesche Romanfigur des nur dem Anschein nach die Befehlsgewalt innehabenden Kapitäns Benito Cereno, der sich tatsächlich in der Hand einer aufrührerischen Besatzung befindet, bis zu de m nach San Casciano verbannten Machiavelli, der die eigentliche Intention seiner Schriften verbergen musste, wollte er nicht von den Herrschen kassiert werden. Mit diesen und ähnlichen Vergleichen hat Schmitt seine Situation nach 1933 und nach 1945 zu beschreiben versucht und damit die Vorstellung genährt, hinter den zahlreichen Masken erst lasse sich der wahre Gehalt seines Denkens finden - und dessen Entdeckung sei eine Frage der richtigen Interpretation.

Bei dieser Suche sind die unterschiedlichsten Lösungen vorgeschlagen worden: von der Sicherung eines starken Staats als Verhinderer des Bürgerkriegs über die Vorstellung vom Reich als politischem Träger einer neuen machtpolitisch-völkerrechtlichen Ordnung oder einer vor allem aus der katholischen Gegenrevolution gespeisten Vorstellung vom politisch-kulturellen Verfall Europas bis zu der unausgesetzten Suche nach einer gegen den Wechsel der politischen Konstellationen resistenten Verfassung.

Raphael Gross hat dieser Suche nun einen weiteren Lösungsvorschlag hinzugefügt: die eines tief sitzenden, weniger aus sozialem Ressentiment als aus intellektuellen Wurzeln erwachsenden Antisemitismus, der Schmitt nicht von ungefähr in den Anfangsjahren der NS-Herrschaft in Deutschland zum Anführer eines Kriegszuges gegen so genannte jüdische Einflüsse in der Rechtswissenschaft hat werden lassen. Schmitts "wirkliche Feinde" waren danach die assimilierten Juden, und zwar, wie Gross herausstellt, weniger als historisch reale, sondern vor allem als metaphysische Gegenspieler.

Ausschlaggebend sei hierbei Schmitts Vorstellung einer untrennbaren Affinität zwischen Judentum und Moderne gewesen, in deren Folge er die Juden als die Beschleuniger einer grundsätzlich verhängnisvollen Entwicklung gesehen habe.

Sein Widerstand gegen ihren Einfluss sei für ihn begreifbar in der christlich-theologischen Figur des Katechon, des Aufhalters. Konkret hieß das: Als Repräsentanten des Ökonomischen waren die Juden für Schmitt die eigentlichen Feinde des Politischen. Und was sie so gefährlich machte, war der Umstand, dass sie nicht als erklärte Feinde dieser Ordnung hervortraten, sondern verdeckt und maskiert gegen sie intrigierten.