Kann man sich heutzutage überhaupt noch allein auf die freie Wildbahn im Internet wagen? Wer schützt vor allem surfende Kinder vor schädlichen Inhalten wie Sex und Naziparolen oder auch vor vermeintlich netten Onkels im Chatroom? Wenn es nach der Bertelsmann Stiftung, Microsoft, AOL, Cable and Wireless, der British Telecom und einer Reihe anderer Unternehmen geht, muss es einen "Sicherheitsgurt" geben, den die Eltern den Kleinen doch - bitte schön - vor der Fahrt über die Datenautobahn anlegen sollen. Einen Prototyp für eine solche Filter-Software mit dem Namen IcraSafe stellte in der vergangenen Woche die von den genannten Unternehmen gegründete Internet Content Rating Association (Icra) in Gütersloh vor.

Nackte Brüste können durchaus erzieherisch wertvoll sein

Von Jugendschutz im Internet reden viele, und über 130 verschiedene Filterprogramme gibt es allein auf dem amerikanischen Markt. Nur wenige davon basieren auf der vom World Wide Web Consortium entwickelten Platform for Internet Content Selection (Pics). Bei Pics tragen die Daten ein Etikett mit Hinweisen auf ihren Inhalt mit sich herum. Beispielsweise könnte der Anbieter seine Daten als "Werbung" klassifizieren. Ein Empfänger, der auf seinem PC einen Anti-Werbung-Filter installiert hat, bekommt die entsprechende Seite dann nicht zu sehen. Der Vorteil dieser Methode: Statt einer Bewertung durch Dritte, die schnell als private oder gar staatliche Zensur verstanden werden kann, klassifizieren sich Anbieter selbst. Die Nutzer können dann entscheiden, was sie gerne aus dem Datenstrom herausfiltern wollen.

Auch Icra beruht auf dem Pics-System. "Wir wollen Kinder schützen und gleichzeitig auch das Recht auf freie Meinungsäußerung", sagt der Icra-Vorsitzende Jens Waltermann. Icra selbst will daher nur das Kategoriensystem zur Verfügung stellen, nach dem sich die Anbieter von Inhalten selbst einschätzen.

Das persönliche Filterprofil, also die Auswahl der Kategorien, die er von seinem Rechner verbannen will, kann jeder Nutzer selbst erstellen. Oder er verlässt sich auf so genannte Templates, die von vertrauenswürdigen Organisationen und Institutionen erstellt werden sollen. Ein US-Kinderfilter kann so ganz anders aussehen als einer für Deutschland, altersabhängige Profile sind auch möglich. Potenzielle Kooperationspartner waren nach Gütersloh eingeladen, doch nur die Deutsche Bischofskonferenz denkt derzeit über ein eigenes Filterprofil nach.

Die nächste Stufe der Filterarchitektur soll Naziangebote und pornografische Seiten anhand der jeweiligen Netzadresse sperren. Denn auch wenn man auf die Kooperationsbereitschaft von Pornoanbietern mit gesundem Geschäftssinn hofft - von Rechtsradikalen erwartet wohl niemand ernsthaft, dass sie sich freiwillig selbst als "schädlich für Kinder" einstufen. Das deutsche Bundeskriminalamt, die amerikanische Anti-Defamation League und auch die CDU wollen solche Schwarzen Listen bereitstellen.

Aber lässt sich das Internet so leicht in eine jugendfreie Zone und eine für kleine, mittlere und große Kinder schädliche einteilen? Zwei Jahre denkt man bei Icra nun schon darüber nach, hat ein in den USA aufgekauftes System "europäisiert". Nacktheit, Sex, Sprache, schädlicher Inhalt und Chat sind die Schubladen für zweifelhafte Web-Inhalte. Um das Problem der Kontextabhängigkeit zu lösen, kann man "nackte Brüste" nun mit Variablen wie "medizinisch", "erzieherisch sinnvoll" oder "künstlerisch" gegen allzu schnelle Filterung immunisieren. Als Hilfestellung für die Selbsteinschätzung enthält der Fragebogen Bilder wie das von Botticellis Geburt der Venus.