Es ist noch nicht lange her, da hatten die Berliner Kulturpolitiker die glorreiche Idee, Daniel Barenboim das Amt eines Opern-Superministers anzutragen. Zum Herr über alle drei maroden Berliner Musiktheaterbühnen wollte man ihn machen, denn der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen wünschte, den Stardirigenten und künstlerischen Leiter der Staatsoper Unter den Linden auf jeden Fall in der Stadt zu halten - als einen unerlässlichen "Botschafter Berlins".

Aber nun wird der Botschafter der Hauptstadt den Rücken kehren: Gescheitert ist Kultursenator Christoph Stölzl mit seiner Mission im fernen Chicago.

Barenboims Vertrag an der Lindenoper läuft im Jahr 2002 aus und wird nicht verlängert. Die 10 Millionen Mark Subventionserhöhung, die er für sein Haus gefordert hatte, konnte (oder wollte?) der Senat nicht aufbringen. Der Dirigent beharrte auf seiner Maximalforderung. Nun trennen sich die Wege.

Leicht wird ihm der Abschied nicht fallen, denn Barenboim liebt das deutsche Opernrepertoire, den deutschen Orchesterklang, die deutsche Dirigiertradition. Und die Berliner Lindenoper ist nach seinem Rückzug aus Bayreuth und dem gescheiterten Sprung ans Chefdirigentenpult der Berliner Philharmoniker vorerst sein letzter fester Ankerplatz im europäischen Kulturbetrieb. Noch gravierender freilich werden die Folgen für die Staatsoper Unter den Linden sein. 10 Jahre lang hat sich Barenboim mit seiner ganzen Star-Autorität schützend vor sein Haus gestellt, hat großzügig wirtschaften lassen, das Orchester künstlerisch vorangebracht und wollte die Bühne zum glamourösen ersten Musiktheater der Republik machen. Bis er nun - viel zu spät - erkennen muss, dass Kultur in Berlin inzwischen nur noch in kleinerer Münze ausgegeben wird, als er selbst zu akzeptieren bereit ist.

Gut möglich, dass Barenboims Weggang jetzt die schleichende Abwicklung des Hauses in Gang setzt. 2002 wird die Lindenoper sowieso wegen Bausanierungsarbeiten für bis zu drei Spielzeiten geschlossen bleiben. Und ob im Jahr 2005 dann die traditionsreiche Staatskapelle ohne einen Dirigenten vom Kaliber Barenboim am Dirigentenpult künstlerisch noch intakt ist, darf man bezweifeln. Ensemble, Chor und Orchester wird wohl die Fusion mit der Deutschen Oper nicht erspart bleiben. Dass dann der Intendant für beide Häuser Udo Zimmermann heißt, zeichnet sich immer deutlicher ab. Berliner Mangelverwaltung, Notstandsaktionismus. So arbeitet man immer weiter unermüdlich an dem Projekt: Wir schließen eine Oper, ohne dass es jemand merkt.