Dieser Lichtstreif da, dieses Karree aus blassen Regenbogenfarben, das kennen wir doch? Das war doch eben schon da? Und das orangerote Glühen links vorne in der Ecke, als fräße sich ein Feuer in den Saal, und der Schriftzug "KINO" auf der bröckeligen Mauer, den uns der Flammenschein, einem Menetekel gleich, enthüllt - das haben wir doch nur nicht gleich bemerkt? Immer wieder ertappt uns Peter Mussbach, der Opernregisseur, Jurist und Neurologe, in der ungeheuren Schläfrigkeit unserer Weltwahrnehmung. Und hält bei den Berliner Festwochen dezent dagegen, zeigt, wie lustvoll es sein kann, genau zu gucken, winzigste Veränderungen in Licht und Raum vorauszuahnen. Ein schlingpflanzenartiges Grün an der Decke etwa träumt davon, wie es wäre, wenn die Sophiensæle - dieser von Geschichte nur so strotzende, längst der Ästhetisierung seines Verfalls preisgegebene Ort, der ehedem KPD-Zentrale war und bürgerlicher Ballsaal - unter Wasser stünden? Wenn Stuckreste und blätternder Putz gleichsam kranke Blüten trieben, Wucherungen, Festwochen-Emphiseme? Ein anderes Mal scheint einfach nur die Sonne durch die Fenster, als wäre es draußen, rund um die neue Mitte Berlins, auch gegen Mitternacht noch taghell. Dazu anderthalb Stunden Klaviermusik von Charles Koechlin, jenem Franzosen, dem Kiplings Dschungelbuch oder Filme mit Lilian Harvey so viel Inspiration bedeuteten wie der ganze Bach. Auf schwarzem Podest gleitet das Klavierduo Yaara Tal und Andreas Groethuysen einmal quer durch den Raum. In Zeitlupe und wie von Zauberhand gezogen. Spielt leicht und verliebt genau, sehr impressionistisch, sehr französisch. Und wer seinen Augen und Ohren endlich wieder traut, der begreift: Der Mensch ist das Konzert. Die Kunst ist das Leben. Wie konnten wir das je vergessen.