Während die deutschen Physiker das Jahr der Physik feiern, haben sich ihre amerikanischen Kollegen über die noch offenen Fragen ihres Fachgebiets Gedanken gemacht. Auf einer Tagung zur Theorie der Superstrings erstellten sie eine Rangliste der zehn wichtigsten physikalischen Probleme, deren Lösung in diesem Jahrhundert anstehe. "Ich stellte mir vor, was ich fragen würde, wenn ich nach 100 Jahren Koma wiedererwachte", schildert Jurymitglied David Gross von der Universität im kalifornischen Santa Barbara das Vorgehen. Einen ähnlichen Fragenkatalog hatten kürzlich auch die Mathematiker präsentiert (ZEIT Nr. 22/2000) und einen Preis von einer Million Dollar für das Lösen eines dieser Rätsel ausgesetzt. Bei den Physikern winkt zwar kein Geld, dafür aber mit Sicherheit der Nobelpreis. Die zehn Fragen, die die Welt der Physik bewegen, lauten:

1. Hatte Gott eine Wahl, als er das Universum erschuf? Genauer: Gibt es für physikalische Konstanten wie die Lichtgeschwindigkeit oder die Ladung eines Elektrons Alternativen?

2. Kann eine Vereinigung von Quanten- und Relativitätstheorie den Ursprung des Weltalls klären?

3. Wie lange ist die Lebenszeit eines Protons? Dieser Baustein des Atomkerns scheint, anders als Neutronen, nicht zu zerfallen. Stimmt's?

4. Ist die Natur supersymmetrisch? Viele Physiker glauben, die Natur sei beim Urknall mathematisch perfekt symmetrisch gewesen, und es habe zu jedem Teilchen einen "supersymmetrischen" Zwilling gegeben. Heute scheint diese Symmetrie gebrochen. Wie ist diese Schieflage entstanden?

5. Warum hat unser Universum drei räumliche und eine zeitliche Dimension?

Nach der Theorie der Superstrings gibt es sechs weitere, "eingerollte" räumliche Dimensionen. Warum entfalten sich nur gerade drei Dimensionen?