Wirtschaft funktioniert leider nicht wie Sport. Spielt ein Fußballer schlecht, wird er ausgewechselt. Verliert die Mannschaft, wird der Trainer gefeuert. In großen Unternehmen verfährt man dagegen nach einem anderen Prinzip. Der Mann an der Spitze darf bleiben - auch wenn er dicke Fehler macht. Jüngstes Beispiel: die geplatzte Fusion der Börsen von Frankfurt und London und die unrühmliche Rolle des deutschen Börsenchefs Werner Seifert.

Niemand hat in den vergangenen Wochen bezweifelt, dass ein Zusammengehen der europäischen Handelsplätze sinnvoll wäre. Mehr als zwei Dutzend Börsen buhlen heute um das Geld der Anleger, und weil jede Börse ihr eigenes Handelssystem betreibt, sind die Verwaltungskosten riesig. Je größer ein Handelsplatz ist, je mehr Umsatz er also macht, desto günstiger kann er den Kauf oder Verkauf von Aktien abwickeln. Davon profitieren die Banken genauso wie die Kleinanleger.

Für den Frankfurter Börsenchef waren das gute Argumente, nach einem Partner zu suchen. Doch die Art und Weise, wie der Machtmensch Seifert den Umbau der Börsenlandschaft anging, war von Anfang an zweifelhaft. Er verprellte den französischen Euronext-Chef Jean-François Théodore, der gern mit Frankfurt kooperiert hätte - jetzt fällt Euronext, der Zusammenschluss der Börsen Paris, Brüssel und Amsterdam, als Partner für Frankfurt wohl so lange aus, wie Seifert im Amt bleibt. Der drängte auf Eile, versäumte dabei aber, die juristischen Bedingungen auszuloten - und ignorierte die Kritik vieler börsennotierter Unternehmen, die vier Monate nach Bekanntgabe der Fusionspläne noch immer nicht wussten, nach welchem Recht sie sich künftig hätten richten müssen. Seifert setzte auf eine komplette Fusion mit London, die ihm den Chefsessel der neuen Riesenbörse iX gebracht hätte - dabei schlugen Experten vor, die Börsen nur locker zu einer Handelsplattform zusammenzufügen.

Es gibt noch einen Verlierer: Rolf-Ernst Breuer, den Chef der Deutschen Bank.

Nach der geplatzten Fusion von Deutscher und Dresdner Bank ist das Scheitern von iX sein zweiter Flop. Immerhin ist Breuer oberster Aufseher der Börse - und als solcher verlängerte er noch am Montag demonstrativ Seiferts Vertrag bis ins Jahr 2006.

Beim Sport ist mancher Vertrauensbeweis das erste Zeichen dafür, dass der verantwortliche Trainer bald gehen muss. Vielleicht läuft Wirtschaft ja doch nach ähnlichen Regeln ab.