An guten Trainingstagen verschwimmt für sie die Welt hinter dem Horizont des Beckenrandes. Nichts anderes dringt mehr in ihr Bewusstsein vor als die Winkelstellung ihrer Ellenbogen beim Kraulschlag, der sich gegen ihre Handflächen aufbauende Druck des Wassers, ihr Vortrieb, ihre Körperachse. Die Realität besteht für sie dann aus einer Summe zahlloser Bewegungselemente, zusammengefasst in einem Gefühl, das so wirklich und so unwirklich ist wie die Sonnenkringel auf den Wellen - ihrem Wassergefühl. Aus dieser hermetischen Welt führt allerdings ein Kommunikationskanal heraus, an dessen anderem Ende Dirk Lange steht. Ihr Trainer, der ihr die Zwischenzeiten zuruft. An solchen Tagen bin ich so konzentriert und innerlich ruhig, dass ich mich im Wasser genauso schnell empfinde, wie ich auch tatsächlich bin.

Es gibt andere Tage, da fühlt sie sich im Wasser schnell und ist es nicht.

Oder denkt, sie sei langsam, ist tatsächlich aber schnell, sodass ihr Einsatz, schneller zu werden, zu Verkrampfungen führt. Das hängt von so vielen Dingen ab: Gedanken, die ich nicht loswerden kann, wie ich geschlafen habe oder gegessen. Wir sind eben keine Maschinen, die man ein- und ausschalten kann.

Vor gut zwei Jahren spürte Sandra Völker, dass seit langem schon ein mechanisches Element ihr Leben aushöhlte. Schwimmen machte keine Freude mehr.

Plötzlich war nicht mehr sicher, ob sie in Sydney noch einmal um Gold über 100 Meter Freistil schwimmen würde. Sie fühlte sich ausgelaugt und leer. Ihr Körper lieferte im Schwimmbecken zwar noch die von ihm erwarteten Resultate ab, ihre Seele aber befand sich längst auf dem Trockenen.

Ich wollte nicht mehr. Ich war definitiv an einer Grenze, wo ich gesagt habe, irgendetwas muss jetzt passieren. Es war einfach zu viel. Und der Mann, den sie liebte, bemerkte nicht, dass sie am Ende war: Dirk Lange, ihr Trainer, seit den Olympischen Spielen in Barcelona. Damals wollte sie über 100 m Rücken eine Medaille gewinnen und fing im B-Finale, an letzter Stelle liegend, noch im Wasser an zu weinen. Danach bot ihr Lange seine Trainingsmethode an: Ich garantiere dir, dass du Erfolg haben wirst. Vier Jahre später gewann sie in Atlanta Silber über 100 Meter Freistil, Bronze über 50 Meter Freistil und in der Staffel.

Als Vierjährige wäre sie fast ertrunken