Paris

Zum Abschied von den Straßenblockaden wurde ein altmodisches Sentiment bemüht. Sehr "würdevoll", sagte ein Fuhrunternehmer aus Clermont-Ferrand, sei die Woche verlaufen. Sechs Tage lang hatten er und seine Kumpane das Land nach und nach lahm gelegt. Die Erdölraffinerien abgesperrt und den Franzosen ihre Regierung vorgeführt. Premierminister Lionel Jospin schwankte hektisch zwischen Nachgeben und Härte, bis er sich am Ende mit Geldversprechen von den rebellischen Arbeitgebern freikaufte.

Den Staat, so ist inzwischen ausgerechnet worden, wird diese Nachgiebigkeit ein bis zwei Milliarden Mark kosten: Steuererleichterungen für Busbetriebe, Spediteure und Rettungsdienste, Sonderhilfen für Landwirte und Gewächshausbetreiber, "vorübergehende" Rabatte von 50 Prozent auf Sozialabgaben.

In den Fernsehnachrichten wurde der Preis verkündet wie eine anonyme Wohltat.

Kein Minister zeigte sein Gesicht, wie sonst üblich. Die Kommunikationsstrategen der Regierung hatten in der Eile offenbar keinen Weg gefunden, diese Kapitulationserklärung als Erfolg zu präsentieren. Am Ende musste Finanzminister Laurent Fabius in den sauren Apfel beißen. Er hatte in der Woche zuvor eine umfangreiche Steuerreform mit einem Appetithappen für alle Autofahrer, der Abschaffung der Fahrzeugsteuer, verkündet - ein Maßnahmenpaket von 36 Milliarden Mark, dessen Wirkung im Spediteursprotest verpuffte wie nichts.

Warum also hat der Spediteur aus Clermont-Ferrand von seiner Fahrerkabine herunter bloß von einer "würdevollen Woche" gesprochen? Würde ist im Allgemeinen doch bloß das Trostpflaster der Verlierer. War er nicht stolz, einen erstaunlichen Sieg miterstritten und den Staat in die Knie gezwungen zu haben? "Wir sind nicht aufs Ganze gegangen", sagte der Mann und setzte lebenserfahren nach, so etwas gerate in Frankreich allzu leicht außer Kontrolle. "Die Spediteure", kommentierte der staatliche Fernsehsender Antenne 2 am nächsten Tag verständnisvoll, "kehren mit dem bitteren Nachgeschmack von einer unvollendeten Schlacht heim".

Unvollendete Schlachten - das ist die Sprache, in der in Frankreich soziale Konflikte beschrieben werden. Sie entflammen sich an kleinsten Ereignissen - beim Generalstreik von 1947 zum Beispiel war es die Preiserhöhung für Straßenbahnfahrscheine in Marseille. Binnen weniger Tage waren damals Verkehrs- und Telefonnetz zusammengebrochen, und die Energieversorgung stand vor dem Kollaps. Der Staat setzt seine Autorität nur langsam und mit Mühe durch - drei Wochen dauerte es damals, bis der Innenminister genügend Polizisten, Gendarmen, Panzerfahrzeuge und auch die benötigten 80 000 Reservisten beisammen hatte, um normale Verhältnisse wiederherzustellen.