Diese Ausstellung war von vornherein doppelt suspekt: verdächtig sowohl der Political Correctness als auch der moralischen Unangemessenheit. Dennoch ist die Fotoschau zum Thema Behinderung, die jetzt im Dresdner Hygienemuseum gezeigt wird, weder eine Freakshow noch Betroffenheitspropaganda. Die plakativeren Exponate illustrieren allerdings ein Dilemma, das auch aus der jüngsten Umbenennung des Mitveranstalters Aktion Sorgenkind in Aktion Mensch spricht. Das Unbehagen an einem Wort wie "Krüppel" hat sich zur Angst gesteigert, überhaupt Behinderung zu konstatieren. Schöner heiler Eine-Welt-Laden, wo es keine drittklassigen Sorgenkinder gibt! Doch reflektieren immerhin einige der 21 Künstler Andersartigkeit sehr genau, von der tiefen Harmonie des nur oberflächlich Disharmonischen bis zur Pein des Handikaps. - Ein nackter kleinwüchsiger Mann beispielsweise, auf einer Fußbank stehend, brüllt der Welt seinen Zorn entgegen. Hier schreit uns die Crux der Disproportionalität an: Denn der enge Körper, so macht die Foto-Autorin Herlinde Koelbl mit diesem Porträt sichtbar, wird zum Gefängnis der Seele. Im Moment der emotionalen Entblößung aber verschränken sich die Perspektiven des Fotografierten und der Fotografierenden zu angespanntem Einvernehmen. Hans Hansens nüchterne, kleinformatige Serie von Hilfsmitteln, Prothesen des Alltags, hingegen dokumentiert aus größtmöglicher Distanz die Grausamkeit des Zweckmäßigen. In Bilder, die noch fehlten (bis 8. Oktober) findet sich die Verhüllung des Mangels neben der brutalen Desavouierung.

Gleichzeitig bleibt die Schwierigkeit präsent, etwas darzustellen, dessen bloße Wahrnehmung schon vom latenten Vorwurf des Voyeurismus gestört ist. In der Zusammenschau der Fotografien immerhin löst sich der verallgemeinernde Begriff "Behinderte" auf in Studien verschiedener Persönlichkeiten, die unter anderem behindert sind, doch deshalb längst keine besseren Menschen. Sie passen nicht in die Norm und sind insofern normal. Spätestens Nick Knights Fotoskulpturen versehrter Models erinnern uns daran, dass wir alle Unzulängliche sind in einem Lifestyle-Universum, wo Vollkommenheit lediglich am Ideal einer leeren Schönheit gemessen wird, die keine ethischen Inhalte kennt.