Noch einmal ein geschichtsträchtiger Gorbatschow-Satz, zehn Jahre danach?

"Wiederholungen schaden keinem Gebet" - das sei eine kaukasische Weisheit, sagte der einstige sowjetische Staatschef im Berliner Schillertheater, in dem die FDP den Jahrestag des Zwei-plus-Vier-Vertrages feierte. Natürlich musste er wiederholen, was sein Vorredner Genscher auch schon wiederholt hat, die Rede von der "Freiheitsgeschichte Europas am Ende des letzten Jahrhunderts".

Gewiss Wiederholungscharakter haben die Gorbatschow-Auftritte bei Feierstunden zur deutschen Einheit, Auftritte, denen manchmal tiefe historische Ironie zuwächst. Einen Tag zuvor, am Montag, präsentierte ihn die SPD als Festredner in einer Veranstaltung zur Freiheit als sozialdemokratischem Grundwert. Beide, der einstige Chef der KPdSU und die SPD, haben die Macht der Freiheitsbewegungen des Jahres 1989 letztlich in der Niederlage erfahren.

Wiederholt wurde jenes repetitive "unvergessen" und "für immer in den Herzen der Deutschen", wenn es um Gorbatschow als "Wegbereiter der Einheit" geht.

Und dennoch: Die Wiederholungen schaden nicht dem Gebet. Es berührt und bewegt noch immer, wenn die damaligen Akteure sich erinnern. Die Leidenschaft, das Risiko, die Spannung, das Verantwortungsbewusstsein und die politische Präzision auf der außenpolitischen Bühne der Jahre 1989 und 1990, in denen der Rückzug des Sowjetimperiums und die Aufhebung der europäischen Spaltung organisiert wurden, durchbricht allemal die Feiertagsrhetorik. Ist den Deutschen eigentlich bewusst, wie fragil und kühn der Weg war, der zur vollen Souveränität der Nation führte? Wissen sie, dass zwischen den Formeln Vier plus Zwei und Zwei plus Vier eine welthistorische Wende lag? Gorbatschow vergegenwärtigte im Schillertheater noch einmal mit großem Engagement die entscheidende Politbürositzung im Januar 1990, in der die Idee einer "Vierplus-Zwei-Gruppe" zur Frage der Deutschen Einheit geboren wurde. Dann aber habe er das Drängen von Kohl und Genscher nach der scheinbar nur formalen, aber doch so bedeutsamen Korrektur in Zwei-plus-Vier-Verhandlungen akzeptiert - denn es ging "um die Achtung der Siegermächte vor der inneren Angelegenheit der Deutschen". Nein, es ist zu befürchten, dass die Deutschen in ihrer autistischen Sorge um deutsch-deutsche Befindlichkeiten diesen Teil ihrer nationalen Geschichte noch nicht einmal wahrgenommen haben. Genscher rief denen, die über "Finanztransfers und Lasten der Einheit klagen", zu, sie "verkennen und unterschätzen Bedeutung und Wert der Freiheit". Diese Wiederholung schadet dem Gebet gewiss nicht.