Budapest

Geraubt, missbraucht, verloren, vergraben. Ein Wunder, dass sich die Krone der Ungarn immer noch wiedergefunden hat. Papst Sylvester II. setzte sie vor genau 1000 Jahren König Stephan aufs Haupt. Damit fügten sich die einstigen Reiternomaden, die aus den Steppen südlich des Urals nach Europa vorgedrungen waren, endgültig in die christliche Völkerfamilie ein. Ihre Krone aber blieb zum Nomadendasein verurteilt. Sie wurde zum Symbol der Unrast, die Europa fortan den Ungarn bereitete.

Otto von Bayern verlor die Stephanskrone 1310 auf einem Heerweg. Die schwangere Witwe Albert von Habsburgs ließ sie 1439 für ihren ungeborenen Sohn stehlen. Freiheitskämpfer verbuddelten die Insignie für vier Jahre, als Österreichs Truppen Ungarns Revolution 1848 niederschlugen. 1945 griff der Kreml nach Osteuropa, James Bond war noch nicht da, doch auch ohne ihn kam das majestätische Kleinod auf abenteuerlichen Wegen bis ins amerikanische Fort Knox. Jimmy Carter gab es 1978 an Janos Kádárs Reformkommunisten zurück.

Noch nie aber ist diese Krone von den ungarischen Politikern selbst auf so absurde Art entführt worden wie zu Beginn dieses Jahres. Die Regierung verfrachtete sie aus dem Nationalmuseum ausgerechnet ins Parlament - das der Burg auf der anderen Donauseite demonstrativ abweisend in Westminster-Pose gegenübersteht. Der erste Gesetzentwurf des Jahres 2000, den die rechten Koalitionsparteien einbrachten, postulierte ausgerechnet für das führende Land unter den EU-Bewerbern: "Die Heilige Krone stellt die Kontinuität des ungarischen Staates dar ... und gehört zu den Grundpfeilern des öffentlich-rechtlichen Systems."

Sogar die Kronwacht an der Donau wollte die Regierung wieder aufstellen. Was in den Tagen der Aristokratie die Familien der Eszterházys und Széchenyis besorgten, sollten jetzt der Staatspräsident, der Regierungschef und Parlamentsvertreter wahrnehmen. Die Opposition, von Sozialisten und Freidemokraten gebildet, stürmte zum Verfassungsgericht. Das entschied: "Die Heilige Krone verfügt über keine öffentlich-rechtliche Funktion." Doch davon unbeeindruckt, ließ die Regierung in diesem Juni schon mal Absolventen der Polizeiakademie vor einer Kopie der Krone vereidigen.

Was wie eine k.u.k. Operette klingt, ist bitterer Ernst. Ungarns Elite hat nichts Besseres zu tun, als kalten Bürgerkrieg zu spielen. Heute ein König - das möchte am liebsten Ungarns erst 37-jähriger Ministerpräsident Viktor Orbán sein. Vor einem Jahrzehnt war er noch ein Rebell, bärtig und langhaarig, mit Jurastudium, Jeans und Turnschuhen. Vor zwei Jahren trat er als Neoliberaler im Maßanzug zu den Wahlen an. Schnittig und gelgesalbt verhieß er den Ungarn weniger Opfer und siegte so über den alten Postkommunisten Gyula Horn mit seinem strikten Sparhaushalt. Horn hatte zwar im Sommer 1989 an der ungarisch-österreichischen Grenze den Europa trennenden Stacheldraht zerschnitten. Doch nun erschien es als ein Zeichen der neuen Zeit, dass der sozialistische Dinosaurier dem flotten Davos-Mann weichen musste.

In Brüssel löste Europas jüngster Ministerpräsident mit seinem fließenden Englisch anfangs Begeisterung aus. In Budapest aber kam unter Orbáns Börsianer-Look schon bald ein eher klassischer Balkanpolitiker zum Vorschein - auch wenn Ungarn gar nicht zum Balkan gehört. Doch Orbán richtete mit fast orientalischer Trennschärfe nur zwischen Freund und Feind. Er suchte die Konfrontation, als ob die Türken noch immer im Lande stünden. Zu seinen Türken machte er die Parlamentarier im Allgemeinen und die Sozialisten, Freidemokraten und kritischen Intellektuellen im Besonderen. Die Türken aus der Sicht seiner rechten Hilfstruppen sind die Minderheiten. Vor allem die Roma, aber zunehmend auch die jüdischen Mitbürger.