Der hoch begabte Orbán, selbst mehr von arroganter Herrschsucht als von ideologischem Radikalismus getrieben, sammelt Ungarns rechte Erde. Nur auf diesem Terrain glaubt er seine Macht erhalten und ausbauen zu können. Das Parlament, in dem der Ministerpräsident 1999 nur einmal erschien, versucht er auszutrocknen. Manche seiner harschen Kritiker erinnert das bereits an Ungarns autoritären Führer Miklós Horthy. Der hatte bis zum Bund mit Hitler den Oppositionsparteien und Gewerkschaften auch ein dürres Dasein gelassen.

Sicher ist: Viktor Orbán und seine konservativen Mitstreiter wollen es sich feudal machen. Der Staat als neutraler Gesetzeshüter redet ihnen zu viel herein. Die Heilige Krone soll deshalb eine "übergesetzliche mythische Entität" verkörpern, wie es die jungen liberalen Politiker Péter Gosztos und Tamás Ónody ausdrücken.

Dabei stützt sich der Ministerpräsident nicht nur auf das Regierungsbündnis seiner einst radikalliberalen, heute reaktionären Jungdemokraten (Fidesz-MPP) mit der nationalbodenständigen Kleinlandwirte-Partei (FKGB) und dem bürgerlich-konservativen Ungarischen Demokratischen Forum (MDF). Orbán setzt im Parlament bei Bedarf auch bedenkenlos auf die rechtsextreme Ungarische Wahrheits- und Lebenspartei (MIEP). Mit deren Hilfe prellte er die Opposition auch in diesem Jahr um alle Sitze in den Funk- und Fernsehaufsichtsräten, die ihr nach der Verfassung zustünden. Führer der rassistischen MIEP ist der antisemitische Schriftsteller und frühere Informant des kommunistischen Geheimdienstes, István Csurka. Seit der Wende ruft Csurka mit faschistoiden Parolen zum Schutz des heiligen Ungarntums auf.

Viktor Orbán verbindet Österreichs Dr. Schüssel und Mr. Haider in seiner Person und seiner Politik. Weitaus talentierter und weniger provinziell als diese beiden, hat er äußere Krisen bisher geschickt bewältigt. Dazu zählen die Herausforderungen des russischen Staatsbankrotts 1998 und des Kosovo-Krieges 1999, auf die Ungarn souverän reagierte. Doch in der Innenpolitik ist Orbáns Vielseitigkeit eher beängstigend. Vettern- und Familienwirtschaft, die Seilschaften mit seiner heutigen Heimatstadt Szolnok erinnern an den slowakischen Politmafioso Vladimir Meciar. Die bitteren Fehden, die der ungarische Regierungschef mit den Medien, mit dem populären Budapester Bürgermeister Demszky und dem international renommierten Zentralbankchef Surányi ausficht, lassen ihn als Double des intoleranten Prager Expremiers Václáv Klaus erscheinen.

Anders als jener ist Orbán noch kein populistischer Euroskeptiker. Doch spielt er inzwischen Mitteleuropa gern gegen Brüssel aus. Haider und Schüssel (den er als erster Regierungschef aus der EU-Quarantäne nach Budapest einlud), Stoiber und Blocher sieht der ungarische Premier als wichtige Bündnispartner. Für den Sohn eines ehemaligen Ostblocklandes hat die Anerkennung durch Europa allerdings immer noch einen anderen Stellenwert als für einen Kärntner, der nie durch Stacheldraht abgetrennt war. "Es gibt ein Leben außerhalb der EU - auch wenn wir wissen, dass es drinnen besser ist", mit dieser Floskel hält Orbán heute die Waage zwischen Schüssel und Haider, zwischen Realitätssinn und Rechtsdrall seiner ungarischen Klientel.

Orbán ist Ungarns dritter Regierungschef nach der Wende. Seine Vorgänger wurden nach je vier Jahren wieder abgewählt. Dabei machten sie ihre Sache besser als viele Nachbarn. Der konservative Antall, dem die Linke "gravitätisches Nichtstun" nachsagte, ließ zumindest die Privatisierung nicht entgleisen wie Klaus in Prag. Der Postkommunist Horn rettete Ungarn 1995 mit strikter Sparpolitik vor der mexikanischen Schuldenfalle.

Derzeit sieht es so aus, als ob die Ungarn in zwei Jahren wieder den Sozialisten die meisten Stimmen geben werden. Ob die gesammelte Rechte sie dann aber noch an die Regierung lassen wird, ist fraglich. Die Sozialisten haben weder eine Strategie noch eine geschlossene Mannschaft. Das Programm der Postkommunisten ist derzeit so schwach wie ihr Selbstbewusstsein.