Auf den ersten Blick ist die politische Misere Ungarns kaum zu begreifen. Das Land hält Jahr für Jahr die Poleposition unter allen mittel- und osteuropäischen EU-Bewerbern. Die Wirtschaft steht unter Dampf wie bei keinem Nachbarn. 80 Prozent der Exporte gehen in die Europäische Union. Damit übertrifft das kleine Land selbst viele EU-Mitglieder. Allerdings stammt die Hälfte dieser Exporte von ausländischen Firmen, die in Ungarn produzieren.

Dennoch rühmen sich westliche Wirtschaftswissenschaftler unisono, dass die Magyaren dank ihrer mikroökonomischen Reformen allen anderen Kandidaten weit voraus sind.

Das war indessen schon immer der Fall. Kein Staat des ehemaligen Ostblocks integrierte sich so schnell in das Europa des Westens wie das rohstoffarme, vom Außenhandel abhängige Ungarn. Die große Wende zur Marktwirtschaft, von der sich die Nachbarn zumindest anfangs den schnellen Aufbruch zu westlichem Reichtum versprachen, hat es in Ungarn so gar nicht gegeben. Sie war schon da, die Marktwirtschaft, wie der Igel vor dem Hasen. Mit schöpferischer und schillernder Extravaganz, mit gewinnendem Übereifer hatten die rastlosen ungarischen Kleinproduzenten dem Sozialismus durch ständig angestückelte Reformen längst ihr eigenes System abgetrotzt.

Der Einzug des Kapitalismus machte gerade jene Existenzen obsolet, die den kommunistischen Staat zuvor in diese Mikrowelt der handverputzten, selbst geflickten, nachts erstrickten Wohlstandsparzellen umgebastelt hatten. So erfuhren viele der zehn Millionen Ungarn ihre "Rückkehr nach Europa" auch als ein Stück unvermeidbarer Selbstaufgabe.

Bis heute ist der Lebensstandard von 1989 nicht wieder erreicht worden. "Zu den Gewinnern der Wende zählt ein Drittel der Bevölkerung", sagt die angesehene Sozialwissenschaftlerin Erzsébet Szalai, "aber zwei Drittel sind Verlierer. Ministerpräsident Horn reformierte das Land zulasten der Mittelschicht, Viktor Orbán tut es auf Kosten der Ärmsten. Die innere Solidarität schwindet. Wer sich privat versichern kann, ist nicht mehr daran interessiert, dass der Staat die Versorgung aufrechterhält. Es wächst die Angst, abzusteigen. Sie stärkt den Antisemitismus, der bei uns traditionell ein Phänomen des Mittelstandes ist: Furcht vor dem Rivalen, Hass auf den Nächsten unter einem. Die ärmeren Schichten, die jüdische Mitbürger nicht als Konkurrenten erleben, wenden sich in ihrer Abstiegsangst gegen die Roma. Der Zigeunerhass ist heute schlimmer als der Antisemitismus."

Tamás Sárközi, Präsident des Juristenverbandes, hat einen anderen Blickwinkel. Der Zivilrechtler, der entscheidend zu Ungarns erfolgreicher Entstaatlichung beitrug, unterstreicht: "85 Prozent der Wirtschaft sind privatisiert. Das Staatsvermögen ist nicht nur an die Multis gegangen. Die ausländischen Direktinvestitionen sind auch in viele kleinere Gemeinschaftsunternehmen geflossen. Ungarische Firmen investieren jetzt in der Slowakei, in Jugoslawien, Rumänien und selbst in österreichische Kleinunternehmen. Natürlich war die Privatisierung ungerecht und unmoralisch.

Wie konnte es anders sein! Es gab einen Markt - aber doch keinen normalen.