Im Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit herrschten einst idyllische Zeiten. Sie brachen Ende der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts an, als Alexander von Humboldt seine berühmten Kosmosvorlesungen in der Berliner Singakademie aufnahm. Doch das Bild eines in Einsamkeit und Freiheit werkelnden Gelehrten, der das zu ihm strömende "Volk" - vom Maurermeister bis zu König Friedrich Wilhelm III. - über die Wissenschaft aufklärte, ist vergilbt und die Harmonie dahin. Heute bestimmen eher Misstrauen und Ablehnung das gegenseitige Verhältnis. Die Angst vor unkontrollierbaren Folgen wissenschaftlichen Handelns geht um, es wächst der Zweifel an der Objektivität wissenschaftlicher Urteile und der so genannte Laie fühlt sich durch Ethikdefizite im beruflichen Denken und Handeln der Forscher verunsichert. Zugleich sinkt die Verständnisbereitschaft gegenüber den Bedürfnissen der Wissenschaft.

Um dieser Entwicklung zu begegnen, wurde im vergangenen Jahr das Aktionsprogramm Push ins Leben gerufen. Push heißt Public understanding of science and humanities, meint also das "öffentliche Verstehen von Natur- und Geisteswissenschaften". Damit wollen die großen Wissenschaftsorganisationen auf misunderstanding und drohenden Akzeptanzverlust reagieren und selbigem einen Riegel vorschieben. Dieses Unternehmen, das sich heute "Wissenschaft im Dialog" nennt, wird meiner Überzeugung nach jedoch nur dann erfolgreich sein, wenn sich seine Urheber aus der Falle, Wissenschaft popularisieren zu wollen, befreien und von der Illusion verabschieden, öffentlich verstanden zu werden.

Stattdessen müssen sie ihre Energie darauf richten, ein ganz anderes Defizit zu decken, nämlich einen demokratischen Nachholbedarf im Wissenschaftssystem.

Denn die oben beschriebenen Entwicklungen, die gerne mit dem Schlagwort "Wissenschaftsfeindlichkeit" belegt werden, haben einen gemeinsamen Hintergrund, den wohl am besten der englische Sozialwissenschaftler Michael Gibbons analysiert hat: Der bisher gültige Gesellschaftsvertrag zwischen der Wissenschaft und der Allgemeinheit, der social contract, ist aufgekündigt und muss durch einen neuen Pakt ersetzt werden. Anders als früher spricht nämlich nicht mehr nur die Wissenschaft zur Gesellschaft, sondern umgekehrt auch die Gesellschaft zur Wissenschaft. Dieser Dialog führt zur Entstehung eines neuen Wissens, an dessen Erzeugung nicht nur die Wissenschaftler, sondern die Gesellschaft selbst beteiligt ist. Man denke nur an das Zusammenwirken von Experten und verschiedenen Gruppierungen von Laien etwa bei der Aids-Forschung, der Risikobewertung der Atomenergie oder der genetischen Modellierung. Offensichtlich drängt die Öffentlichkeit, je mehr sie von der Forschung und deren Ungewissheiten und Risiken begreift, in die Wissenschaft ein. Indizien dafür sind auch die Gutachterschlacht um die Bohrinsel Brentspar, die progressive Zunahme der Mediationen in Rechtskonflikten oder die Autonomiebestrebungen der Hochschulen. Letztere zielen auch darauf, die Steuerungsmacht des Staates zurückzudrängen, womit wiederum die Chance wächst, gesellschaftliche Interessen in die Forschung einzubringen. Es könnte sein, dass es künftig genau auf diesen Einbau der Öffentlichkeit in die Wissenschaft ankommt. Denn dadurch gewinnt das erzeugte Wissen Verlässlichkeit und Legitimation.

Ich möchte diesen Vorgang mit einem halb vergessenen Ausdruck als "Demokratisierung" der Wissenschaft bezeichnen. Mir ist natürlich klar, dass "Demokratisierung" nicht gerade zu den Modewörtern gehört. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Anspruch, der einmal mit der Forderung nach Demokratisierung der Universität und damit der dort angesiedelten Wissenschaft erhoben wurde, bald zur Forderung nach Herstellung von Teilhabe der Assistenten und Studenten schrumpfte. Die Einbeziehung der Öffentlichkeit erstarrte zum unerfüllten Postulat. Die Partizipationsidee aber blieb virulent. Immer noch wird um das demokratisch legitimierte Wissen gerungen.

Dafür spricht, dass das Modell der modernen Naturwissenschaft seine 150 Jahre verbindliche Verfassung wesentlich im autoritären Obrigkeitsstaat erhalten hat. Institutionell bedeutete die liberale Trennung von Staat und Gesellschaft für die Wissenschaft, dass der Staat die Verhältnisse schuf und organisierte, unter denen sich die Wissenschaft, besorgt und gesteuert durch die Staatsdiener, weitgehend ungehemmt entfalten konnte. Die beamtete und "objektive" Wissenschaft enthielt sich im Gegenzug aller transzendenten und politischen Bekundungen - nicht anders als das Militär, das seinen Fachverstand objektiv in den Dienst des herrscherlichen Wollens stellte. Die Gesellschaft nahm die Belehrung und Aufklärung durch die Wissenschaft und deren Dienstherren ebenso in Demut und Lernwilligkeit entgegen, wie sie getreulich den Erklärungen des Oberkommandierenden und seines Generalstabs folgte.

Dass dieses Modell aufgegeben wurde, ist kein Geheimnis. Der Staat begann auf die bürgerliche Gesellschaft einzuwirken, und die bürgerliche Gesellschaft begann, das von ihr monopolisierte und verwaltete Wissen zu popularisieren, um die ungebildeten Stände "aufzuklären", also zu befrieden und zu integrieren. Die Antwort der Bürgerschaft auf den intervenierenden Staat war am Ende die Interventionsgesellschaft. Der jetzt beginnende Einbau einer kritischen Öffentlichkeit in die ständig weniger hoheitlich werdende Wissenschaft dient offenbar der Deckung eines demokratischen Nachholbedarfs im Wissenschaftssystem.