Schon 1999 war die Mission des Unternehmens nicht eben bescheiden: America Online, las man auf Bannern und Plakaten im Hauptquartier des Internet-Dienstes in Dulles, Virginia, wolle ein "globales Medium" werden, für die Menschen so wichtig "wie Telefon und Fernsehen - und weitaus nützlicher". Im Frühjahr 2000, kurz nach Verkündung der Fusion mit dem Unterhaltungs- und Mediengiganten Time Warner, setzte AOL-Chef Steve Case (siehe auch Interview) noch einen drauf. Binnen fünf Jahren, tat der 41-jährige Internet-Mogul kund, werde der neue Koloss dem Börsenwert nach "das größte Unternehmen der Welt" sein. Größer als General Electric, Cisco oder Intel. Größer auch als Microsoft.

Für eine Firma, die in den neunziger Jahren von Krise zu Krise torkelte, war dies eine vollmundige Ankündigung. Vielleicht sogar vermessen. Als Case und Time-Warner-Chef Gerald Levin im Januar die Vermählung der virtuellen mit der realen Medienwelt bekannt gaben, dachten beide Partner, die Ehe könne ohne Probleme vollzogen werden. Jetzt nimmt die Kritik auf beiden Seiten des Atlantiks zu. Und mit ihr die Wahrscheinlichkeit, dass eine der größten Fusionen aller Zeiten nur mit scharfen, womöglich kostenträchtigen Auflagen zustande kommt.

In den USA fürchten Wettbewerbshüter, der neue Medienkonzern könne künftig den Zugang zum Internet kontrollieren. Time Warner bringt das zweitgrößte Kabelnetz der Vereinigten Staaten in die Ehe ein

ein Fünftel der amerikanischen Fernsehzuschauer empfangen darüber ihre TV-Signale. Die Sorge der Kartell- und Kommunikationsbehörden: Wenn das Kabel, wie erwartet, das Telefon als wichtigste Auffahrtsrampe zum Cyberspace ablöst, können AOL und Time Warner konkurrierende Internet-Dienste von ihren Netzen verbannen und eigene, digitalisierte Programme mit subtilen Mitteln auf dem Transport zum Endverbraucher bevorzugen. Die Folge: AOL/Time-Warner-Kunden haben eine kleinere Auswahl, der Wettbewerb wird behindert.

Der Online-Dienst transportiert mehr Briefe als die US-Post

Die Europäer gehen noch weiter. Schon bevor sich vergangene Woche führende Vertreter beider Unternehmen in Brüssel zu einer Anhörung einfanden, hatte die Europäische Kommission in einem ungewöhnlich kritischen Bericht ihre Einwände gegen die Fusion dargelegt. Unbehagen empfindet Europas Kartellbehörde vor allem über die künftig beherrschende Stellung des Medienkonzerns im Online-Geschäft mit Unterhaltung und Musik, die durch die mögliche Übernahme der britischen EMI-Gruppe durch Time Warner noch ausgebaut würde. AOL/Time Warners Stärke auf dem europäischen Musikmarkt könne konkurrierende Labels dazu zwingen, ihre Produkte online über AOL zu verteilen, fürchtet die Kommission.

Das ist nicht alles. AOL hat als weltgrößter Internet-Dienst derzeit 26 Millionen Kunden. Das, so der Kommissionsbericht, ermögliche es dem Unternehmen, den Markt künftig noch stärker zu beherrschen. Der Grund sind "Netzwerkeffekte": Je mehr Abonnenten sich bei AOL einklicken, desto größer wird die Attraktivität des Cyber-Unternehmens für die Anbieter von Information, Unterhaltung und Konsumartikeln - und je größer dieses Angebot an content, desto attraktiver wird America Online wiederum für neue Kunden.