Danke, Amazon.com. Endlich gibt der elektronische Buchversand - vorerst nur in Amerika - Daten und Vorlieben seiner Kunden auch an andere Firmen weiter, zum Beispiel an eine Drogeriekette. Das wurde höchste Zeit, denn bei den Millionen von Angeboten im Internet weiß eigentlich keiner mehr, was er noch kaufen soll. Es sei denn, die Firmen sagen ihren Kunden auf elektronischem Weg, was ihre Vorlieben sind. Zum Beispiel in der "persönlichen Leseempfehlung", die wir frisch bei Amazon.com getestet haben: "Willkommen. Auf der Grundlage Ihrer bisherigen Bestellungen sind wir uns nicht ganz über Ihren Geschmack sicher."

Okay, das war zu erwarten. Was soll ein Computer von seinem Benutzer halten, der vor Milliarden bunter Internet-Seiten sitzt und dann ausgerechnet ein BUCH sucht? Hier in der Per-Saldo-Redaktion sehen wir das positiv und können kaum noch unsere ersten Amazon-Empfehlungen für Deospray erwarten. Zumal wir damit an der heißesten Entwicklung der Internet-Ökonomie teilnehmen: Computer mit "künstlicher sozialer Intelligenz". So nennen es Clifford Nass und Byron Reeves, zwei Professoren aus dem sonnigen Kalifornien, die den Computerhersteller Dell beraten. Sie wissen: Selbst im vernetzten Cybershopper von heute sitzt noch irgendwo der Höhlenbewohner und Mammutjäger - programmiert darauf, "sich mit allen großen, schnellen, bedrohlichen Objekten vordringlich zu befassen", und immer auf der Suche nach "Ehrlichkeit, Zugänglichkeit und Vertrauenswürdigkeit". Deshalb findet sich auf dem Dell-Website bald ein elektronischer "Produktberater", der den Einkauf mit vertrauenswürdigen Gesten begleitet (erst recht dann, wenn sich der Kunde einem großen, schnellen, bedrohlich teuren Dell-Computer nähert).

Und das ist nur der Anfang. Die Hersteller des E-Mail-Programms Eudora haben gerade eine brandneue Funktion erfunden: Der Computer liest ausgehende E-Mails und warnt gegebenenfalls ihren Verfasser ("Diese Mitteilung ist anstössig"). Manche Computerexperten sind schon felsenfest davon überzeugt, dass sie in wenigen Jahren allgemeinverständlich plaudern können (die Computer). Dann kann der Rechner das Shopping erledigen und die versaute Korrespondenz mit der Freundin, und dem Menschen bleibt Zeit für das Wesentliche: zum Beispiel Kreditkartenrechnungen zu bezahlen. Oder nicht. Die britische Online-Bank Smile musste kürzlich ihre Kunden informieren, dass sie auf der Suche nach Kreditkartenabrechnungen doch bitte "einmal in den elektronischen Mülleimer gucken" sollen. Viele E-Mail-Programme blockieren nämlich längst Postzusendungen von lästigen PR-Agenturen und offenbar auch Rechnungen. Na bitte: künstliche soziale Intelligenz.