Und wenn sich die Geschichte doch wiederholt? Drei gewaltige Ölschocks hat die kapitalistische Welt hinter sich, 1973 nach dem Jom-Kippur-Krieg, 1980 nach der Vertreibung des Schahs von Persien und dem darauf folgenden Krieg zwischen Iran und Irak und 1990 nach dem Golfkrieg. Dreimal gerieten die Preissteigerungen außer Kontrolle, dreimal wurde das Wirtschaftswachstum abgewürgt. Ende vergangener Woche erreichte der Preis für das Barrel Öl dann fast 35 Dollar, so viel wie auf dem Höhepunkt der zweiten Ölpreiskrise, dreimal so viel wie Ende 1998. Doch es kann noch schlimmer kommen. Auch nach der Erhöhung der Fördermengen durch die Opec sagen Experten vor allem bei einem strengen Winter Rekordpreise von über 40 Dollar voraus. Droht damit der nächste Ölschock?

Merkwürdig: Kaum irgendwo ist Krisenangst auszumachen. Ganz so, als ob nichts gewesen wäre, verkündete jüngst die Dresdner Bank, die deutsche Konjunktur sei "auf der Beschleunigungsspur". Die Auguren der Commerzbank priesen gar "ein sehr günstiges weltwirtschaftliches Umfeld". Und das Finanzministerium in Berlin jubelte vor gerade zwei Wochen: "Der Wirtschaftsaufschwung in Deutschland hat sich weiter verstärkt und an Breite gewonnen."

Dabei müsste der Blick zurück eher Ängste schüren. Beispiel 1973: Der Ölpreis versechsfachte sich binnen Jahresfrist

das stürzte die Weltwirtschaft in Rezession und Inflation, die Zahlungsbilanzen gerieten weltweit in Unordnung, ganze Kontinente wurden bei ihrem wirtschaftlichen Aufholprozess heillos zurückgeworfen. Die Folge: 1974 bescherte den Industrieländern Nullwachstum und eine Inflationsrate von durchschnittlich 13 Prozent. Dabei lag der Ölpreis auf dem Höhepunkt der Krise lediglich bei knapp zwölf Dollar je Barrel - aus heutiger Sicht lächerlich wenig.

Trotzdem kommt jetzt keine Panik auf. Denn die modernen Volkswirtschaften brauchen heute weniger Öl als Schmiermittel für die Konjunktur. Die traditionellen Industrien sind von dem Rohstoff unabhängiger geworden, die New Economy läuft ohnehin mit Chips und Informationstechnologien. Den Aufschwung prägen elektronische Dienstleistungen und nicht Stahlhütten, Autofabriken oder Bautrupps. So hat sich auch die deutsche Wirtschaft Freiraum geschaffen. Die Bundesbank präzisierte das Phänomen in ihrem jüngsten Monatsbericht: "Machten die Netto-Einfuhren von Rohöl und Ölprodukten 1974 rund 3% des BIP aus und waren es 1981 sogar 4 1/4 %, so dürften es in diesem Jahr schätzungsweise nur 1 1/4 % sein." Die gesalzene Ölrechnung ist also bedeutend leichter zu verkraften als vor 25 Jahren.

Hinzu kommt, dass in ganz Euroland die Konjunktur boomt wie lange nicht mehr.

Bei 3,3 Prozent lag zuletzt die jährliche Zuwachsrate des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP), ein Drittel davon geht allein auf die Erfolge der Exportindustrie zurück. Der billige Euro und sinkende Lohnstückkosten haben Produkte Made in Germany wettbewerbsfähiger gemacht. Auch die lange lahmende Konsumnachfrage ist angesprungen - und das könnte anhalten. Der Grund: Die Entlastungen im Rahmen der Steuerreform werden den privaten Konsumausgaben 2001 einen deutlichen Schub geben. Da auch die Steuerlast der Unternehmen beträchtlich zurückgehen wird, steigt für sie der Anreiz zu investieren. Das gilt umso mehr, als die Produktionsanlagen heute merklich besser ausgelastet sind als noch vor Jahresfrist. Logische Folge: Auch die Arbeitslosigkeit ist endlich auf dem Rückzug.