Wilkanów

So viel Aufmerksamkeit hat das unscheinbare Dorf nie zuvor erlebt. Als die große Flut über Wilkanów/Wölfelsdorf hereinbrach, hatte es sein Schicksal mit Hunderten von Gemeinden Polens geteilt, war ein Notfall unter vielen gewesen.

Hab und Gut waren fortgeschwemmt worden, Hoffnungen in den Wassermassen versunken. Jetzt, rund drei Jahre nach jenen furchtbaren Tagen im Juli, präsentierte sich der Flecken der polnischen Öffentlichkeit als ein Ort mit Zukunft. Viele von Rang und Namen waren gekommen, um das Symbol für Wiederaufbau und Aufbruch zu feiern - die "Schule der Verständigung".

Der Wabenbau liegt auf einem Hügel oberhalb Wilkanóws, vor jedem Hochwasser geschützt. Lichte Farben verbreiten Helligkeit, die Fenster geben den Blick frei auf die idyllische Landschaft Niederschlesiens. Polens modernste - und vielleicht schönste - Schule hat seit der vergangenen Woche ihre Türen für 220 Schülerinnen und Schüler aus dreißig umliegenden Ortschaften geöffnet.

Auch viele Leser dieser Zeitung haben deshalb "allen Grund, stolz zu sein", wie Präsident Aleksander Kwaniewski zur Eröffnung schrieb. Als Spender trugen sie im Katastrophensommer 1997 mit dazu bei, dass die ZEIT-Fluthilfe den Bau des Mittelstufen-Gymnasiums (7. bis 9. Klasse) mit 1,5 Millionen Mark finanzieren konnte.

Der Dank für die Großzügigkeit kam von Herzen. Hochrangige Vertreter der polnischen Regierung, Abgeordnete des Sejm und der Kardinal aus dem nahen Wrozlaw/Breslau lobten die Geste der Solidarität der deutschen Nachbarn. Die Schüler und ihre Eltern verrieten ein Deutschland-Gefühl, wie es noch vor wenigen Jahren nicht selbstverständlich gewesen wäre. "Ihr habt uns mit eurer Hilfe wieder Mut gemacht", sagte ein Kleinbauer aus Wilkanów, dessen kräftiger Händedruck beinahe nicht enden wollte.

Die neue Schule will sich nicht nur der "Verständigung" mit der Bundesrepublik widmen. Im deutschtschechisch-polnischen Länderdreieck gibt es viele Vorurteile und Fremdheiten zu überwinden. Die Schulpartnerschaft zwischen Wilkanów und dem tschechischen Dorf Zátor (wo die ZEIT-Fluthilfe die Renovierung der vom Hochwasser beschädigten Schule finanzierte) trägt diesem Zustand bereits Rechnung. Mehr soll folgen. Polnische Stiftungen haben sich bereiterklärt, den Verständigungswillen bei Schülern und Lehrern zu fördern - mit Seminaren über die europäische Einigung und auch über den deutschen Teil der Geschichte des Landstrichs am Glatzer Schneegebirge.